Kapitel 7 Die Auflösung von Träumen
Kapitel
7
Die
Auflösung von Träumen
Der
Tag begann wieder mit ganz anderen Gedanken, als er gestern noch
geendet hatte, aber niemand wusste, wie ich gefühlt hatte. In meinem
Kopf war nur dieser eine Traum, aber sie ließ mich zurück. Diese
eine Frau, dessen Seele nun weg war, war nicht mehr. Manchmal
tauchten diese Wunden im Leben auf und man musste sie einfach
überdauern lassen. Ich sah auch keine Gesichter mehr, nur noch
Sinne. Lass mich das sehen, was ich brauchte. Der vorherige Abend
endete für mich nur noch unterbewusst. Die Erinnerung war vorhanden,
wie mich Xiaoyu fragte, ob es mir gut ginge. Ignorierend bin ich
damals einfach weitergegangen, zu meinem „alten“ Zuhause. Mein
Sinn für Realität kam erst später wieder zu mir, kurz bevor ich
ankam am Ort, wo ich sie auch zum ersten Mal traf. Lyn, die Botin,
erschien gestern Nacht. Das Gespräch war mir nicht mehr ganz klar,
es kam mir nur noch das Bild in den Kopf, wie sie mir die Kräfte
Alexas wieder genommen hatte. Sie waren nicht für mich bestimmt
gewesen, sondern müssten wieder zurückkehren. Mir wurde gesagt,
dass der fünfte Gott schon längst tot war und sie darum die Kräfte
aufbewahren würde, bis man sie wieder bräuchte. Damit nahm sie mir
wenigstens auch ein kleines Stück meiner Last, die Kräfte
enthielten nämlich auch einige Gefühle, die ich nicht länger mit
mir tragen konnte, auch wenn es die mächtigsten waren, die ich je
hatte. Jetzt war aber keine Zeit mehr darüber Trübsal zu blasen.
Mein Kopf hatte eine Last in sich. Es war kaum zu ertragen und dies
schon seit dem frühen Morgen. Dabei war es doch gar nicht meine
Schuld. Ich musste mir keine Schuldgefühle geben und mit Alexas Tod,
dachte ich jedenfalls, hätte ich mich abgefunden. „Aber jetzt wird
alles anders. Ich verschmelze mit den Seelen Anderer. Wenn niemand
will, dann gib es doch einfach Gott.“ Irgendwer fummelte schon
wieder in meinen Gedanken herum. Ich fühlte mich so verdammt
scheiße. Warum konnte ich sie nicht beschützen? Im Rückblick
verstand ich es nicht. Wie konnte ich meine Gedanken nicht darauf
konzentrieren, auf sie, auch nur ein bisschen, darauf zu achten? In
die nicht absehbare Zukunft gehen durch Sachen, die man bereute.
-
Die unaussprechliche Trauer -
Manchmal
hasste ich einsam zu sein, besonders in diesen Momenten. War ich zum
Glück doch nicht allein, es hätte also schlimmer sein können. Die
Freundlichkeit meiner Mutter an diesem Morgen ließ mich kalt.
Eigentlich fühlte ich mich beschissen, dass ich sie nicht entgegnen
konnte, aber meine Stimmung ließ es einfach nicht zu. Meinem Bruder
konnte ich wenigstens noch ein kleines Lächeln schenken, wenn auch
etwas gezwungen, wollte ich doch nur wieder glücklich werden. Das
Schönste an all dem war jedoch für mich: Ich versuchte nicht,
weiter zu leben. „Sag nicht so die Wörter.“ Bestimmt nahm man es
wahr, wenn jemand nicht verstanden wurde, aber auch wenn jemand
verstanden wurde. Hinter dem Schmerz erinnerte ich mich nur noch an
die zugefügten Wunden. Alle Dinge, die passiert waren, hatten ihre
Bedeutung verloren. Ich wurde wieder etwas nüchterner. Die wichtigen
Sachen schienen mir nun alle offensichtlicher, jedoch war ich zu faul
ihnen ohne Druck nachzugehen. Ich machte mir erst einmal meine
Lieblingsmusik an und fing an in Ruhe nachzudenken. Irgendwie hatte
ich aber keine Lust aus meinem Zimmer zu gehen, vielleicht war es
auch etwas Angst, weiteren unangenehmen Ereignissen zu begegnen.
„Dass du kommst, dass du kommst, du kommst, aber spät.“ „Das
Glück findet er und nur er alleine.“ Die Musik inspirierte mich
mal wieder auf andere Gedanken zu kommen. So war es, weil nur ich
konnte mich selbst ändern, niemand würde kommen und mir aus dieser
Lage helfen, aber so musste es sein. „Wenn nicht ich mir helfe, wer
dann? Und wenn ich nicht anfange mir zu helfen und dann anderen
helfe, würde ja nie jemand niemanden helfen“, dachte ich mir.
Vielleicht waren meine Sätze innerlich etwas wirr, aber ich verstand
sie. Letztlich distanzierte ich mich von mir selber, wie von meinen
Gedanken, die ich ab und zu hegte, da ich nur das war, was meine
Taten ausmachten. Auf einmal fühlte ich mich viel besser - die
kürzeste Depression meines Lebens. Wäre ich doch manchmal nicht so
ignorant und würde anfangen zu lesen, dann wäre das Leben
vielleicht etwas einfacher. An sich konnte ich doch alles auf der
Welt mit etwas nachdenken bewältigen. Hinter den Träumen befand
sich doch auch nur die wahre Welt, die es zu überleben galt, aber in
meiner Hand kein Vergissmeinnicht. Und wie so oft in meinem Leben
ging es einfach weiter, wie der Fluss, der solange floss bis er
austrocknen würde. Er war einfach ein Fluss, ohne zu wissen, dass er
ein Fluss ist.
Die
Tür hinter mir fiel zu. Ich war wieder in der Schönheit der Natur,
oder wie sie in veränderter Gestalt, durch Menschenhand, jetzt zu
betrachten war. Als ich über den Bordstein über die Straße
schritt, kam eine SMS. Ihr Text enthüllte mir Folgendes: „Arata,
wir müssen uns treffen. Bei meinem Haus. Katharina.“ Ein neues
Ereignis geschah schon wieder. Ich hörte wieder das Zirpen
irgendwelcher Insekten im Gras und dafür waren sie auch bei mir
berühmt. Es erschien mir merkwürdig, dass ich sie nie ansah, diese
Biester, die mein Gehör so plagten. Lasst die Sonne auf mich herab
scheinen und gebet mir einen Apfel. Aber wo war der Traum hin, wenn
man ihn nur einmal ausrief? Wenigstens blieb mir der Gedanke des
Traumes. Verträumt lief ich zu dem vereinbarten Treffpunkt. Ich
hatte Glück, denn es war nicht viel los. Niemand konnte es mir übel
nehmen, gedankenlos durch die Gegend zu laufen. Jeder Stein hatte
seine Kanten, auch wenn er abgerundet war. Nichts war los, die
Straßen schienen mir relativ leer. Mir war nicht einmal wirklich
bewusst, welcher Tag war. Dafür hätte ich überlegen müssen. Mein
geregeltes Leben trat schneller in Vergessenheit als gedacht. Mich
interessierte es zu dieser Zeit überhaupt nicht, in die Schule zu
gehen, aber das bahnte sich schon seit einigen Wochen an. Seitdem ich
nicht mehr regelmäßig schlafen ging, machten mir so einige Dinge
nicht mehr viel aus. Zum Anfang waren es noch kleine Schocke, aber
jetzt... egal. „Wenn ich für alles auf der Welt genug Zeit und
genug Kraft hätte, vielleicht sollte ich es Motivation nennen, wäre
mein Leben einfacher, aber wo würde das hinführen? Ein glückliches
Leben, nein, das will niemand.“ Wo waren eigentlich die Blumen, die
mir jemand schenken könnte? Brauchte es dafür denn einen Feiertag,
dass jemand so nett sein könnte und auf die Idee käme, mich zu
beglücken?
Vor
dem Haus war niemand. Ich stand völlig dumm dort und wartete auf
Katharina. Sie wartete wahrscheinlich innerhalb auf mich, aber ich
kam nicht auf die Idee zu klingeln. Nach einigen Sekunden kam sie
auch endlich heraus. „Du Nutte, ich habe auf dich gewartet.“
Meine Gedanken waren abfällig und mit aggressiver Natur gespickt.
Ich war wohl etwas Müde und erschöpft von der letzten Nacht. Das
war immer so, wenn mein Körper sich nicht ausgeruht fühlte, dann
kamen merkwürdige Gedanken dieser Natur. Sie näherte sich, aber ich
fühlte kein Gefühl der Begrüßung, die Atmosphäre war eher kühl.
Da waren immer die Momente, bei denen man wusste, man ist nett ohne
Grund zueinander und dann gab es auch die gegenteiligen. Gab es denn
Zweifel anzuzweifeln, die in dieser Welt den Mond bestimmen? In
dieser Welt war sie die schönste für mich. Sie fing an zu sprechen.
War mir noch nicht ein beschämendes Gefühl vorausgegangen, so kam
es doch ungefähr jetzt ein wenig auf, aber ich war gefasst, so
gefasst wie ich sonst nur auf der Toilette war. Schon wieder eines
dieser Gespräche entstand:
Katharina:
Hey … Ich weiß, was passiert ist. Ich habe Xiaoyus Bericht
gelesen. Dort müssen wirklich unglaubliche Dinge geschehen sein.
Weißt du, als ich ihn gelesen habe, spürte ich etwas Angst und
später auch Trauer.
Arata
bleibt neutral.
Arata:
Tja, wenn du es doch erlebt hättest … Es war einfach …
Katharina:
Du musst nicht darüber reden. Die Sache ist... es sind nun einige
Dinge zu tun. Wie neueste Erkenntnisse der Anti-Gemeinschaft zeigen,
besteht die Gefahr, dass die Sekte nun völlig verrückte Sachen
machen wird. Die Sache ist... ihre Kontakte reichen bis in die
öffentlichen Institutionen – weiter als wir bis jetzt dachten. Ein
Wunder ist es letztlich auch nicht, denn darum weiß man auch so
wenig im Internet über sie. Zum Anfang dachten wir, sie hätten
Experten in diesem Feld, aber vielleicht brauchen sie diese gar
nicht.
Arata:
Was soll das alles heißen?
Katharina:
Das heißt, es wird so einiges passieren in nächster Zeit. Ich wurde
gefragt, ob du uns helfen könntest …
Arata:
Euch?
Katharina:
Du weißt schon.
Die
pure Ausdruckslosigkeit bei Arata.
Arata:
Ich versteh’ schon.
Das
Ende war abrupt, ein merkwürdiges Ende wie im Kino. Ein Schritt, ein
Schritt, zwei Schritte und dann kam die Liebe von ganz alleine.
Fließend ging es auch weiter. Es wurden weitere Schritte geplant,
nur damit es weiter ging. So weit wie jetzt, war ich noch nie. Hatte
ich denn je die Weite meiner Taten erkannt? Mir wurden nun einige
Dinge klar: Die Enttäuschung, die Zukunft und das Leben, und das
alles inmitten der Zeit. Es bestrebte mich gerade dazu weiter zu
machen.
Katharina:
Wir müssen nun Sergej und seinen Leuten einen vernichtenden Schlag
geben,
Arata
fällt in das Wort.
Arata:
Nun, und wie? Wie machen wir dann weiter? Was ist mit den anderen
Sekten? Mit den heimlichen Unterstützern?
Katharina:
Mach dir da mal keine Sorge, morgen gibt es ein Treffen der
Anti-Gemeinschaft, dort wirst du alles Weitere erfahren.
Sie
erzählte mir noch die Details über den Treffpunkt und ging dann so
schnell wie sie kam. Ich schaute ihr noch hinterher, meine Gedanken
waren sexuell geprägt. Ich sah ihren schönen Arsch und den schönen
langen, braunen Haaren hinterher. Es war doch ein Anzeichen meiner
Unlust im Leben mich wieder auf solche Dinge zurückzubesinnen,
während ich doch ganz andere Dinge im Kopf haben sollte. Ich hatte
echt mal wieder Lust zu masturbieren, aber diesen Drang musste ich
nun unterdrücken. Hätte ich Katharina doch meine Gedanken
mitgeteilt, wäre das Gespräch doch anders verlaufen, aber wer weiß.
Wäre das Gespräch anders verlaufen, wäre es auf eine andere Ebene
hinausgelaufen, hätte ich mich dann vielleicht nicht eher meine
Probleme als mein Verlangen offenbart. Würde ich nicht meine
Schwäche zeigen? Was für eine Schwäche? War es denn nicht eine
bloße Definition der anderen, was „schwach“ und was „stark“
ist, abgesehen von den naturwissenschaftlichen Definitionen. Ob sie
wohl darauf eingegangen wäre? Das war meine zweite Sorge bei der
gedanklichen Simulation der Situation gewesen. Verdrängen die
meisten Leute nicht die Probleme anderer, damit sie nicht ihre
eigenen werden? Ich ließ es mit dem Weiterdenken bleiben, es war
schon alles schlimm genug für mich. Den Weg nach Hause trödelte ich
vor mich hin, versunken in das Nichts. Lediglich die Umgebung schaute
ich mir ab und an, und das auch nicht sehr genau. Meine Sicht war
etwas unklar, ich war nicht sehr konzentriert im Moment, irrte nur so
vor mich hin. War ich jetzt wieder depressiv? Nur weil eine Situation
vor mir stand, die ich nicht wollte, die weiteren Probleme meines
Schicksals, welches unabwendbar schien? So viele Fragen, über
Fragen, die mich plagten. Ich wollte diese leidigen Emotionen von mir
los werden und wieder fröhlicher sein. Es brachte doch eh nichts,
man müsste einfach weiterleben und es beim nächsten Mal besser
machen. Reflektieren reicht auch einmal. Die Zeit verging und verging
während des unsinnigen Nachdenkens. Diese Situation gab es immer bei
mir, anstatt ich in einer Zeit konzentriert etwas nachginge und damit
die Dinge besser machte, trödelte ich vor mich hin. Andererseits war
zurzeit keine Eile, auch wenn ich etwas Angst hatte, wie es nun mit
meiner Familie weiter ginge. Sollte ich ihnen von den Sachen erzählen
oder einfach wie immer weitermachen. Mir wurde so gut wie nichts
klar. „Die Schule hatte ich ja auch nun einige Tage geschwänzt“,
fiel mir so spontan auf. In meinem Kopf ging ich einige
Gesprächssituationen mit meiner Mutter durch. Wie konnte ich ihr
meine Situation erklären, wenn ich wollte? Und wenn nicht, wie das,
dass ich in der Schule gefehlt habe? Eine Krankheit konnte ich ja
auch nicht mehr vortäuschen. „Oh man, mein Leben ist wieder so
...“ Ich entschied mich für die einfachste Lösung: Einfach so tun
als ob nichts wäre, weitermachen wie immer. Das Haus meines Lebens
stand wieder vor mir. Nach diesen ganzen Fragen begab ich mich in
einen Garten voller Instrumente. In der Mitte stand ich und
dirigierte, lenkte, manipulierte die Dinge, die ich fühlte. Die
Instrumente um mich herum, die Landschaft, meine Fantasie war
grenzenlos. Ich sang über Dinge die nicht meine waren, über Sachen
die nicht von mir kamen, ich klaute die Gedanken anderer. Alles floss
in mir, ich fühlte mich wieder ganz anders. „Auf in die Küche“,
dachte ich mir. Meine Mutter stand dort. Ich sagte ihr: „Mama, mein
Leben ist verrückt und wird verrückter, wunder dich über nichts
mehr.“ Sie guckte mich nur an und ich verschwand mit einer Banane
wieder aus der Küche. So als ob ich von einer Bühne abtrat,
interessierten mich die Reaktionen der Zuschauer nicht. Mein Leben
rannte wie immer. Es war der beste Song, den ich wohl je gehört
habe. Vielleicht schaffte meine Mutter mich doch einmal zu verstehen
und ohne klare Worte auszukommen, einfach die Sachen zu nehmen wie
sie sind. Ich konnte wieder über andere Sachen nachdenken und auch
andere Dinge in Angriff nehmen. Es kam mir lange nicht in den Sinn,
aber nach all diesen Dingen wollte ich doch wieder eine Runde joggen.
Der Nachmittag brach gerade mal an, da war es einfach die beste Zeit
für einen Lauf. Die Angst vor irgendwelchen Überraschungen, diese
war mir total egal. Einfach nur die Freude wollte ich spüren,
erleben, etwas machen. Ich sagte dem Nachbarn „Guten Tag“. Etwas
was man einfach so machte, um anderen die Existenz zu bestätigen, im
wahrsten Sinne, jedenfalls für mich. Wie wichtig doch die
Anerkennung der simpelsten Dinge manchmal waren.
Ich
lief und lief, es fiel mir sehr leicht, als ob meine Beine aus Federn
bestünden, so einfach war es. Wie leicht es mir doch fiel „Ich
liebe dich“ zu sagen, jedenfalls in diesen Momenten des Glücks.
Mein Leben fühlte sich für einen kurzen Augenblick wieder herrlich
an. Ich musste wohl manisch-depressiv sein und lieber schleunigst zu
einem Arzt, aber wozu Drogen, wenn es auch ohne ginge? Alles in Allem
übertrieb ich auch, meine Natur war einfach nicht so normal, wie die
von anderen, das war ja auch das, was mich ausmachte. Meine
Selbstfindung erstaunte mich, ich lernte soviel über mich. Die
Zeiten waren wieder da, wo ich einfach über mich nachdachte und
dabei eine Entwicklung spürte. Wenn ich nicht in der Notlage wäre,
dass andere Personen mein Leben änderten, würde ich es wohl selbst,
Schritt für Schritt ändern. Was ein Glück im Unglück mir mal
wieder geschah, und was für Dinge wohl noch geschehen werden. Nach
diesem Lauf der Erleichterung, ruhte ich mich aus. Ich war dazu
bestimmt weiter zu gehen, also ging ich auch weiter, ohne Ziel an
einem Ort der mir allzu bekannt vor kam. Ich stand zufällig mal
wieder vor einem Brunnen. Nicht lange war es her, da traf ich hier
die erste Seele, die ich befreien musste. Es kamen einige Schüler
vorbei, mein schlechtes Gewissen meldete sich. Die Schule hatte ich
wohl schon zu oft, für meinen Geschmack, geschwänzt. Es fing an zu
regnen, einfach so.
-
Die Regentage setzten sich willkürlich fort -
Die
Menschen tummelten sich einfach irgendwo wie natürliche Phänomene.
Meine Gedanken waren so abstrus und merkwürdig an diesem Ort, an
dieser Stelle, zu dieser Zeit. Hier wollte ich weiter bleiben, nicht
lachen, vom Elend aber musste ich mich befreien, dabei ganz ohne die
Kraft der Götter. Dabei ist in mir die Welt, das Leben, der Tod, die
Sicherheit und ich sang lauter. Was eine Insolenz es doch wahr, dies
mitten in der Öffentlichkeit zu tun, den freien Willen zur Schau zu
stellen und anderen Leuten ihre eigenen Gedanken zu rauben. „Dieser
Wahnsinn hört einfach nicht auf. Warum lässt man mich nicht einfach
ganz normal sein?“ Für mich waren einige Dinge, die immer wieder
mein Leben berührten, der Auslöser meines „Wahns“. Ich wollte
wieder nach Hause, da der Regen stärker wurde. Auf dem Eingangsweg
lag eine kleine Feder, es sah aus wie ein Zeichen aus einem
schlechten Film, aber es war die Realität. Ich dachte an Freiheit,
ein sorgenfreies Leben, Vögel die umherflogen, die typischen
Klischees halt. Hatte mich die Gesellschaft schon so mit ihrer
Symbolik geprägt, dass ich beim Anblick einer weißen Feder
manipuliert wurde? Die Steinplatten, ein Grauton, der mich nur zu gut
an Berge erinnerte, die dreckige Erde dazwischen, die kleinen
Grashalme, welche eine kleine Umrandung schafften, dies alles
interessierte mich, wie immer, nicht. Ich begann über ganz andere
Dinge nachzudenken. Über Menschen und ihr Verhalten, dabei immer an
mich selbst denkend, was für ein Verrückter ich war. Als ich
zurückdachte, als ich das erste Mal Katharina traf, besser gesagt,
als sie mich fand. Sie müsste ja genau so eine Verrückte gewesen
sein wie ich, ein menschliches Wesen wie ich und trotzdem fühlte ich
mich nicht auf einer Ebene mit mir, habe noch das anerzogene Denken
in mir. Das Denken, welches mir sagt, ich sollte Leute anders
behandeln – Wie Lächerlich dies alles doch war. Egal wie viele
Gedanken ich zusammensammelte, ohne die entsprechende Praxis konnte
mich doch nichts verändern.
-
Der ewige Frieden liegt in den Köpfen versteckt -
„Genau
so wie man Tiere locken konnte, mit Essen oder funkelnden Dingen,
oder was wusste ich um sie zu manipulieren, konnte ich doch Menschen
mit meinen Worten manipulieren.“ Ein wahnwitziger Gedanke war mir
mal wieder erschienen. Mir fiel dabei auf, dass ich länger nicht
gelacht hatte, geschweige denn einen Witz oder eine witzige Situation
erlebt habe. Es musste sich also so einiges, wie immer halt, in
meinem Leben ändern. Das Wachstum meines Lebens, genauso wie die
Wirtschaft, muss einfach immer weiter gehen, also in Bezug auf die
Größe. „Das macht gar keinen Sinn.“ Dieser Satz kam mir früher
öfter in den Sinn, bis mir auffiel, dass Sinne sich auch ergeben
können, was ich aber als merkwürdig empfand. Wie es mich doch so
langsam ekelte, wusste ich doch so vieles, tat aber sowenig im Leben.
Wenn doch bloß einmal mein Schatten leuchten würde, dann, aber auch
nur dann, springe ich gerne über ihn. Der Staub, so zärtlich, wenn
man ihn auf den Steinen spürte. Was machte ich hier eigentlich? Nur
weil mir die Wörter im Hals stockten, hieß es doch nicht, ich
könnte sie nicht später aussprechen. Wie konnte diese Katharina
bloß so entschieden sein. Für mich war sie auf einem anderen
Niveau, so mitten in ihrer Anti-Gemeinschaft hatte sie ein ganz
anderes Gesicht für mich.
Meine
Geschichte musste sich fortführen und deshalb beschloss ich wieder
etwas zu unternehmen, konnte ich den natürlichen Verlauf doch nicht
einfach so geschehen lassen. Erstmal musste ich mich aber ausruhen,
schaute wieder etwas Fernsehen. Es war immerhin für mich der Anfang
eines Wochenendes, etwas Entspannung war eine Notwendigkeit. Es lief
ein unglaublich gutes Musikvideo. Ich liebte einfach den Ton einer
E-Gitarre. Faul lag ich da und konnte nur noch auf den Bildschirm
starren. Konnte mich kaum befreien vom Bann der Faulheit, des
Nichtstuns. Wollte man doch ewig die Sicherheit im Leben bewahren,
wenn es denn nur ginge, nie etwas riskieren, nie irgendwas Fremdes
machen.
Ich
fühlte mich wieder voller Elan und Motivation, es musste etwas
geschehen, ich wollte einfach irgendjemanden in die Fresse schlagen,
also bildlich gesprochen, ich mag Gewalt an sich nicht, so dachte ich
jedenfalls. Aufgestanden und bereit machte ich mich auf den Weg
einige bekannte Plätze abzuchecken. Lebte ich doch nicht mehr in den
Ideen Anderer, sondern nun, Schritt für Schritt, in meiner Eigenen.
„Versuche ich doch einfach mal Glücklich zu sein, man weiß ja
nie, vielleicht klappt es ja.“ Manchmal fragte ich mich, warum
meine Eltern mir einen Computer und kein Wörterbuch gekauft haben,
wäre ich doch so gerne Wortgewandter.
Ohne
auch nur zu wissen, was ich eigentlich suchte, begab ich mich zu
Alexas Haus. Ähnlich der Götterkräfte waren die, die sie benutzt
hatte. Es muss einen Zusammenhang zwischen den letzten Geschehnissen
und den mir noch unbekannten Sachen, die ich nicht über die Götter
wusste, geben. Diese galt es für mich nun herauszufinden, denn
Wissen war Macht. Die unbequemen Wahrheiten mussten an das Licht
meiner Kenntnis gebracht werden. Nur wenn alles zerstört war, dann
blieb uns... was? Vielleicht sollte ich ab heute ein Tagebuch führen,
dachte ich mir. Der erste Eintrag wäre gewesen: „Heute ist der
Höhepunkt der Sinnlosigkeit meines Lebens erreicht, so würden
jedenfalls andere sagen.“ Es ging aber immer weiter und weiter bis
zum Ende aller Dinge, die mich nicht beschäftigten und beschäftigen
werden, bis dahin werde ich immer weiterdenken ohne je davon
abgelenkt zu sein. Abschweifend waren meine Gedanken, aber umso
schneller schien es mir, dass ich dort angelangt war, wo ich
eigentlich hin wollte. „Denkt es euch als kleine Berührung meiner
Gedanken, von der ich euch etwas kosten lassen wollte.“
Schon
wieder dieser Ort vor meinen Augen. Irgendwie mochte ich ihn
überhaupt nicht mehr. Es erregte ein Bauchgefühl bei mir, welches
wirklich nicht angenehm war. Am liebsten wäre ich wieder gegangen,
aber „was muss das muss“. Für mich sollte es nur eine kleine
Inspektion werden, man wusste ja nie und heute hatte ich eh nichts
Besseres vor. „Wie man seine Freizeit sinnvoll verschwendet.“ Was
dachte ich eigentlich in der Zeit an der ich an nichts dachte und was
passierte wenn ich schlafe? Wo bleiben da die Erkenntnisse des
Unterbewusstseins?
"Du
denkst zu viel nach“, eine Stimme, die mir so langsam unangenehm
wurde, war in meinem Bewusstsein zu hören. Es war Lyn. Sie schickte
mir eine Art Vision, jedenfalls fühlte es sich so an. Ich setzte
mich kurz auf den Boden, so fiel ich in mich zusammen. Direkt auf der
Türschwelle von Alexas Haus saß ich da, ganz ohne Bewusstsein, wie
ein Penner, der hoffte, dass man ihm Geld gäbe.
Das
Klima fühlte sich tropisch an, feucht und warm. Ich befand mich an
einem Strand, das Meer vor mir, der Sand unter meinen Füßen, neben
mir ein Mädchen, welches eine unglaubliche Wärme ausstrahlte. Ich
erkannte es jedoch nicht, das Gesicht war bedeckt. Von was? Von
meiner Unfähigkeit hinzuschauen. Es starrte nach vorne, ich blickte
auch. Ein Schwarm von Geisterkräften. Sie waren alle grün, ein sehr
schönes Grün. Die Klaviernoten spielten im Hintergrund, die
Stimmung wurde erzeugt. Mein Bewusstsein löste sich, ich verschwand
in diesem Traum für einen kurzen Moment. Alles vor mir verschwand
wieder in Finsternis. Die Geborgenheit verschwand so schnell sie kam.
Ein kurzer Abstecher endete.
Ich
stand wieder auf, mein Körper fühlte sich so an, wie an einem
heißen Morgen, an welchem man mit etwas Schweiß an der Haut
aufwachte. „Was zur Hölle war das schon wieder?“ Innerlich
versuchte ich Lyn zu fragen, aber nichts reagierte, nirgends. Es war
dieses Gefühl der Verbundenheit zu ihr einfach nicht vorhanden.
Unerklärliche Dinge über die ich keine Macht hatte, es machte mich
etwas aufgeregt, aber ich blieb ruhig. Mein Leben war eh schon im
Arsch, viel schlimmere Dinge könnten kaum passieren. Ich klingelte
nicht an der Tür, ich ging einfach über den bekannten „Geheimweg“
in den Garten. Es schaute mir eh nicht so aus, dass die Tante da
wäre. Die Fenster waren alle geschlossen und die Vorhänge
zugezogen. Dies war auch kein Wunder für mich, wohnte die Tante auch
nicht hier. Ich fragte mich was mit den Eltern Alexas war? Würden
sie wieder zurückkommen? Ich vergaß, was die Tante mir damals
erzählt hatte. Mein Gedächtnis war etwas siebig an jenem Tag.
So
war ich wieder im Garten, der Rasen war grün. Eine Stille, der Wind
war still, ich bemerkte es gerade zu. Sonst bemerkte ich doch nur die
Bewegung der Dinge, beachtete alles mehr, wenn es sich nur bewegte,
aber diesmal waren mir nur die unbeweglichen Stücke meines
Sichtfeldes wichtig. Eine neue Gelassenheit, ich beobachtete ganz
anders, konnte mehr aufnehmen. Die Fähigkeiten mehrten sich immer,
lag es an den Seelen die ich aufnahm oder an den Visionen, vielleicht
auch an Lyn? Abseits meiner Augen befand sich nur noch mein Körper
im Raum. Vor den Augen, vor den Armen, vor mir ging es wieder weiter.
Dieser Ort war irgendwie für mich wieder uninteressant geworden. Mir
brachte die Sicht der zweiten Ebene nichts, hier war einfach gar
nichts. Wer wusste schon, was ich eigentlich hier wollte. Ich führte
es fort, das Schreiten auf der Straße, ohne ein Ziel zu verfolgen
...
Ein
Schlag mitten in mein Gesicht. Der Schmerz breitete sich schnell aus,
meine Sinne waren geschärft in alle Richtungen. Ich wusste nicht,
wer es war, aber sah auch nirgends etwas. Langsam wachte ich auf,
mein müder Status verlor sich. Um mich herum war aber auch rein gar
nichts. Wie ein Idiot schaute ich und schaute, in alle Richtungen
konnte man nichts ausfindig machen. Als ob mich der Wind heftig
geschlagen hätte. Dann kam auch schon eine Stimme: „Du
Schwächling, wach doch mal auf! Was machst du denn diese Tage?“
Eine völlig unbekannte Stimme, sie klang rau und hart. Schnell kam
mir eine Ahnung in Gedanken: Es war bestimmt die nächste Seele.
„Bist du einer dieser Seelen?“, fragte ich ihn. „Genau! Du
verdammter Schlappschwanz, hör auf dir immer einen zu wichsen und
kehre in das Leben zurück.“ Mit diesen Worten begann auch wieder
die Reise in seine Vergangenheit. Es war doch immer wieder dasselbe,
oder auch nicht …
Vor
mir, die genauen Gegenteile von bisher, nicht diese ewigen Gefühle
der Trauer, keine Reue im Leben, einfach die pure Härte. Mich nahm
nichts ein, ich sah nur die rohe Gewalt des Alltags in dieser Seele.
Dabei auch einige nackte Wahrheiten, die ich eigentlich nicht so
genau sehen wollte. Es schmerzte, es heilte, dann schmerzte es
vielleicht wieder, ab am Ende war alles egal, denn es ging weiter.
Irgendwann waren dann auch die Dinge vergessen und der, der es ihm so
schwer machte, war nicht mehr vorhanden. Mir offenbarten sich wieder
neue Welten von Gedankengängen. Eines Tages wird alles besser und
bis dahin lebte man einfach. Mir wurde bewusst, wie ich doch der Chor
meiner eigenen Welt war und wie ich jetzt wieder etwas aufwachte. „Du
verdammter Nichtsnutz! Jetzt hör aber auf zu träumen. Merkst du
nicht, was um dich herum geschieht?“ Ich dachte ich wüsste es,
aber sah es nur auf eine Art, die mir gefiel. Endlich wurde mir ein
Verständnis näher gebracht, welches mir gefehlt hatte. Immer nur
schauen, wie schön die Dinge sind, bringt mich auch nicht weiter,
während wir doch die Dinge weiter trugen und andere schon gegangen
waren. „Und wie soll ich dir jetzt helfen, dich erlösen?“,
fragte ich die Seele, dessen Namen mir schon bekannt war. John
antwortete und sagte mir, dass ich es doch wüsste und einfach machen
sollte. Eine konkrete Ansage seinerseits, wer soll es auch sonst
wissen? Ich puzzelte mir aus seinen Gedanken so einiges zusammen, die
ich nochmal kurz reflektierte:
John
12 Jahre
Ein
Junge, der das Leben nicht fürchtet. Der Horror der Welt
interessierte ihn nicht, er lebte einfach sein Leben. Führte auch
kein Leben daraufhin, auf ein bestimmtes Treffen, nein, einfach immer
weiter. Die Dinge, die er sich vornahm wurden auch erledigt.
John
18 Jahre
Er
hatte eine Freundin, eine feste Beziehung, ein Art Lebensziel hätte
sich jetzt erfüllt, trotzdem war es nicht wirklich eine Befriedigung
von irgendeiner Lust, es war einfach. Persönlich fand ich es sehr
merkwürdig, da ich viel zu wenig Freude bei seinen Augenblicken
spürte …
John
22 Jahre
Sein
Leben änderte sich, seine Frau verließ ihn, er musste eine
Arbeitsstelle in einer anderen Stadt annehmen, es war meine Stadt.
Endlich mal eine Seele von einem anderen Ort.
John
25 Jahre
Das
tragischste aller tragischen Momente hat sich ereignet. Es war nicht
fassbar, selbst er, der harte John, konnte sich nicht erholen und es
fing an eine Kette von unumkehrbaren Ereignissen auszulösen. Für
mich waren es leider nur Fragmente und das war auch genau jenes, was
ich herausfinden musste, um ihn zu erlösen. Es scheint ein etwas
traumatisches Erlebnis gewesen zu sein, dass er sich selbst nicht
mehr so gut erinnern kann. Es war scheinbar so, dass nichts erklärt
werden konnte, oder erklärt werden wollte. Die Stille der Menschen
erschien ihm in diesem Moment gepaart mit der Frustration.
Nun,
da ich alles, aber gleichzeitig auch nichts wusste, konnte ich mich
an das Werk machen. Es war wohl eine kleine detektivische Arbeit
meinerseits nötig. Was machte ich denn hier wieder? Das wichtigste
war doch jetzt wohl, mir eine Strategie einfallen zu lassen. Sein
altes Haus aufzusuchen, wäre mal wieder einer dieser Ideen, ich
könnte aber auch versuchen seine Ex-Frau zu treffen. Selbst wenn das
möglich wäre, wie? Es kam das Unerwartete …
Ein
weiterer Schlag in mein Gesicht, mit der selben Kraft. Schon wieder
suchte ich nach der Quelle, gab aber schnell auf. Es war mir
natürlich sofort bewusst, wer es denn war. „Mach dir nicht so
viele Sorgen. Geh dein Leben nach. Erlöse mich wenn du die Zeit dazu
hast, aber zurzeit gibt es doch größere Bedrohungen.“ Und mit
diesen Worten ging ich weiter. So wie er sie sprach verhalfen sie mir
auf etlichen Weisen. Sofort kamen mir wieder die Gedanken, also die,
die wichtig waren. Ich musste noch die Sache mit Sergej und seinen
verrückten Untertanen erledigen. Eigentlich war es mir selbst nicht
so genau klar wie er überlebt hatte, aber es wurde mir von Katharina
mitgeteilt und ließ es jetzt erst wieder in mein Bewusstsein laufen.
Als ob ich aus einem zu langen Schlaf aufwachen würde, so kam es mir
vor. Mir kamen die Müdigkeitserscheinungen jetzt total in die
Knochen. Ich sah die Welt jetzt wieder klar, im Sinne von: Normal wie
man sie wohl sehen sollte und nicht wie ein Verrückter, der ich es
doch manchmal war. Sofort wollte ich Katharina kontaktieren, musste
ich ihr doch sagen, dass sie meine Unterstützung hat. Nach einem
kurzen Telefongespräch hatte sich das auch erledigt. Ich lief wieder
den Weg zu meinem Haus und tat das einzig richtige: schlafen. Davor
trieb ich natürlich noch etwas Sport, einfach weil mir danach war
und um mehr Bewusstsein über meine Fähigkeiten zu haben.
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