Kapitel 6 Die blaue Nacht
Kapitel
6
Die
blaue Nacht
"Weißt
du, warum dir eine Stimme verliehen wurde?
Um
jemanden etwas mitzuteilen.
Warum
machst du es dann nicht?“
Wir
befanden uns nun in Wangs Haus. Den ganzen Weg zu ihm haben wir nicht
geredet. Ich konnte eh nicht klar denken, wollte einfach irgendeinen
Platz zum Ausruhen haben. Es fühlte sich in mir immer noch so extrem
merkwürdig an.
-
Mulden voller Hunde -
Wir
saßen uns alle auf einer schönen gemütlichen Couch hin. Wir
starrten erst einmal alle vor uns in die leere Luft. Man spürte
einfach, wie bei den anderen ein ähnliches Gefühl war, jenes
welches uns Ungewissheit brachte. Wir alle wussten nicht, wie es
jetzt weiterging, wollten es vielleicht auch nicht, aber dennoch:
Reden müssten wir darüber. Immer schauen wir nach vorne, können
aber nie mit einem Ding zufrieden werden. Immer mehr und mehr wollen
wir, bis wir dann die Angst bekamen und was kam dann? Der Moment des
sich vor der Angst Stellens. Die Welt ist bloß ein großes Gefängnis
der Gefühle und wir sind ihre Gefangene. Eine plötzliche
Offenbarung musste her eilen. Das Wort erhob sich, aber es ging nicht
von mir aus. Vier, drei, zwei, eins und ich hörte die Stimme. Es war
wohl der Anfang einer weiteren Evolution im Leben. Obwohl ich doch
wie benebelt seiner Stimme zuhörte, vermochte ich sie aufzunehmen.
„Was sollen wir denn jetzt tun?“ Damit fing das ganze Übel an,
welches von Wang angesprochen wurde.
Arata:
Tja, ich bin auch etwas ...
Katharina
beugt sich nach vorne.
Katharina:
Die ganze Sache ist kompliziert geworden. Also das einzige, was mir
klar ist... Wir können jetzt meinen Bruder erlösen, dass andere
ist: Wir sind jetzt vielleicht Ziele der Sekte, wenn sie es
herausfinden.
Wang:
Naja, wahrscheinlich wissen sie es schon längst. Sergej wird ja wohl
nicht ganz so dumm sein. Ich werde mich wohl verstecken müssen. Zum
Glück habe ich schon für diesen Fall eine Abmachung mit einen guten
Freund geschlossen.
Katharina:
Na wenigstens du hast es gut, aber was ist mit uns?
Arata
sichtlich erregt.
Wang:
Hmm, das ist eine gute Frage.
Arata:
Was sollen wir denn jetzt machen?
Katharina:
Ich werde wohl wieder Kontakt zur Anti-Gemeinschaft aufnehmen und um
Hilfe bitten, mach dir keine Sorgen, Arata.
Wang:
Tut mir leid, Leute. Wenn ich euch besser helfen könnte, würde ich
es. Die Sache ist bloß die: Ich will meinen Freund da nicht noch
mehr belasten.
Katharina:
Ist schon okay, ich verstehe dich.
Während
der Regen noch förmlich in mir fiel, nahm ich an diesem Gespräch
teil. Es war einfach nur ein Schlag: die
Kommunikation. Die Dinge,
die man nicht mit dem Körper mitteilte,
die man nicht fürchten musste.
Einzig und alleine konnten
die Gedanken heiß werden. Warum betete ich nie in diesen Momenten?
Gebe mir doch jemand die Kraft, alle Situationen zu bestehen.
Irgendjemand musste mir doch helfen können. Ganz allein würde ich
weiterleben, allein das Leben bestehen, die Entwöhnung aller
bekannten Dinge schritt fort. Entführe man sich doch nur einmal im
Leben, um die Angst zu spüren, um weiterleben zu können. Der fatale
Kampf meines Lebens zögerte sich eigentlich stetig weiter hinaus,
ihn zu führen, ihn zu beginnen war das Schwere. So kam sie her fort,
wieder zurück von dem Gespräch welches mittels eines Telefons
geführt worden ist. Katharina hatte mit ihren Kontakten bei der
Anti-Gemeinschaft geredet. Wie mir doch selbst nichts einfiel zu
diesem Zeitpunkt. Ich war angewiesen auf Andere, die „mein
Schicksal“ bestimmen sollten. Veränderten doch bloß normale
Schallwellen unser Leben. „Tja, keine Ahnung. Mir will niemand
helfen, aber was anderes war auch nicht zu erwarten. So sind halt
solche Organisationen. Sie haben einfach kein Gefühl für
Brüderlichkeit“, sagte mir Katharina. Eine Erlösung war wohl
nicht so einfach zu finden, oft musste man sie sich halt doch
erarbeiten. „Was machen wir denn nun?“, fragte ich sie. „Tja,
wir brauchen einen Unterschlupf, hier treibe ich mich nicht mehr
herum“, antwortete mir Katharina. Am besten wenn ich mein Testament
schriebe. War das wieder alles deprimierend, aber es konnte mir
nichts anhaben. „Ich werde dann erst einmal nach Hause gehen.“
Das war meine Verabschiedung für den Nachmittag. Ohne viel weiteres
Gerede ging ich. Auf dem Weg zu meinem Zuhause brachte mich selbst
das schöne Wetter nicht auf bessere Gedanken. So schnell kam mir der
Weg vor. Als ob es nicht genug Zeit zum Nachdenken, zum Beruhigen
gibt. Wo fand ich denn die eine Bank, auf der ich mich setzen konnte
und alles vergessen würde? Ich fand sie weder heute noch irgendwann.
Weniger nachdenken, dass musste ich, konnte mich aber nicht
überwinden. Meine Gedanken waren voll von der Zukunft, von der
Vergangenheit und von mir. Ich stellte mir vor, dass die Sekte mich
verfolgen könnte. War es überhaupt sicher nach Hause zu gehen?
Vielleicht waren sie schnell genug und schon längst bemerkt was
geschah und Maßnahmen ergriffen. Es war die größte Ironie der
Welt, dass genau in diesem Moment, wo ich darüber nachdachte, sich
eine Gestalt vor meinen Augen befand, die mich doch zittern ließ: Es
war Sergej. Mein Herz stoppte für einen kurzen Moment. Ich begriff
gar nichts mehr. Wo kam er bloß her? Am liebsten wäre ich
weggerannt, aber ich wusste eine Konfrontation ist unausweichlich. Er
guckte mich an, als ob er, in aller Ruhe, mich erwartete. Wie er mich
anblickte, war gruselig. Zwar war ich größer als er, aber dennoch
fühlte ich mich, als ob er von oben auf mich herabschauen würde.
Ich blieb vor ihm stehen. Geradezu war ich gespannt darauf,
was er wohl sagen würde oder ob er überhaupt was sage.
Sergej:
Nun es scheint, wir treffen uns wohl wieder hier, wo es schon das
erste Mal war.
Arata
schaut ein wenig nach rechts und links.
Arata:
(Mit
neutraler Stimmlage.) Hmm,
ja, scheint so.
Sergej:
Ich weiß, was passiert ist. Für dich war es letztlich eine
Unausweichlichkeit. Mach dir nicht soviel Vorwürfe.
Arata:
Was wird aber als nächstes passieren?
Sergej:
An sich sollte dies hier einfach nur mein letzter Dank an dich sein.
Jetzt da bekannt ist, wer du bist, wird sich dein Leben wohl etwas
ändern. Ich gebe dir noch einen Tag Zeit. Danach wird offiziell bei
uns alles in die Wege geleitet.
Arata:
Was genau habt ihr vor?
Sergej:
Sei nicht so neugierig, mein Junge. Es hat dich ja schon weit genug
reingeritten ...
Sergej
geht.
Nun
war es offiziell, ich musste fortgehen, in eine Art Exil.
Zuhause
angekommen, fand ich niemanden vor. Es war möglich, dass meine
Mutter mit Tommy irgendwo hingegangen ist. Ich ging in die Küche,
hoffte auf eine Notiz. Tatsächlich war sie vorhanden. Sie teilte mir
mit, dass sie beide morgen wiederkommen würden, waren bei dem Onkel.
Diese Situation war irgendwie erleichternd. Ich musste mit niemanden
reden, aber andererseits blieben mir trotzdem Sorgen. Meine Familie
war das letzte, die ich in diese Geschichte mit reinziehen wollte.
Mir kam zu diesem Zeitpunkt ein spontaner Einfall. Was war eigentlich
mit dem Haus von Alexa? Da es noch nicht all zu spät war und ich
auch sonst nicht wusste was zu tun wäre, entschied ich mich
hinzugehen. Wie es doch eigentlich nur eine Zeitverschwendung war,
wie so vieles in meinem Leben, aber hegte ich doch immer die
Hoffnung. Summa summarum sah ich nichts wirklich als
Zeitverschwendung, es ist ja nicht so als ob mein Gehirn stehen
bliebe, lebe ich doch immer weiter. Die meisten nennen ja nur ihre
Zeit verschwendet, wenn sie nicht sinnvoll, nach ihrer Auffassung,
genutzt worden war. Eine sehr relative Angelegenheit. Manche Leute
auf der Welt heulen zu viel und regen sich zu sehr auf. Es war mal
wieder Zeit für eine Zeitverschwendung. Kehre ich zurück zu einem
Ort, an dem ich nur einmal war, an dem ich einmal mich begab. Die
Erinnerungen waren immer noch schön, auch wenn mit einen bitteren
Nachgeschmack. Die nicht endenden Tränen kamen nicht. Die Dinge die
ich vergaß schienen nun unwichtig. Alles kam zu einem Ende in meinem
Bewusstsein. Aber was konnte schon ein Kind wie ich davon verstehen?
Wie nutzlos es doch war, mehr darüber nachzudenken. Ich war einen
Schritt weiter gegangen zu meinem Ziel, da passierte es plötzlich.
Ein Schmerz, aus unerfindlichen Gründen, überkam mich. Eine
Position hatte dieser Schmerz nicht, er kam einfach im ganzen Körper,
wobei ich ihm im Bereich meines Kopfes stark spürte. Er endete so
schnell, wie er kam. Da ich den Grund nicht herausfinden konnte, ging
ich einfach weiter. Manchmal hatte ich eh das Gefühl, auch bevor ich
meine Kräfte erhielt, dass das Leben willkürlich mit mir umging.
Vielleicht war es der Schmerz der Einsamkeit, welcher mich traf.
Genau so, wie die menschlichen Potentiale unendlich erschienen, kamen
mir auch die Leiden vor. Von Zeit zu Zeit musste man doch einfach den
Nebel der Unmut vor sich erhellen und entzaubern.
Mein
Anblick vor dem Haus: Es sah eigentlich ganz normal aus. Nichts von
der damaligen Nacht ist mehr zurückgeblieben. Das Gebäude war
repariert, wieder in guten Zustand. Ich lief etwas hin und her, um es
von allen Seiten zu betrachten. Danach ging ich an die Haustür und
zögerte. Sollte ich klingeln oder nicht? Der einzige Mensch, der da
sein könnte, wäre die Tante. Sie hätte ja auch logischerweise das
Haus geerbt. So lasset uns hier an der Türe klingeln, damit das
Kommende auch kommen kann. Ein hoher Ton der sich in zwei Sekunden
abständen automatisch wiederholt begann zu läuten. Mir kam während
des Wartens der dumme Gedanke: Was soll ich überhaupt sagen? Ich
wusste es nicht. Für einen Moment hoffte ich sogar, dass niemand
aufmachen würde, aber diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Die Tür
öffnete sich und eine Frau machte auf. Ich ging einen Schritt zurück
und schaute sie an. Das plumpe Gespräch startete. „Hallo, sind Sie
die Tante Alexas?“ Meine Frage war vielleicht etwas direkt, aber
dass war mir zu der Zeit auch egal. Meine Trauer für Alexa war
mittlerweile so gut wie verschwunden. „Ja, das bin ich. Wer sind
Sie?“ Mit dieser Frage leitete sie das Uninteressante ein. Ich
erzählte ihr von den Dingen, die ich wusste, sagte, dass ich ihr
Freund gewesen wäre. „Willst du reinkommen?“, kam als Frage.
Ganz sicher war ich mir nicht, aber warum denn nicht. Im Haus bekam
ich wieder ein anderes Gefühl. Wir gingen die Treppen hinauf, zum
Zimmer Alexas. Ich fühlte doch wieder etwas in mir. Alte Gefühle in
mir erwachten. Das Zimmer sah so aus, wie ich es auch damals betrat,
nichts hatte sich geändert. All zulange war es ja letztlich gesehen
auch gar nicht her. Sie erzählte mir von Alexa und auch davon, wo
genau der Blitz eingeschlagen wäre, der das Haus traf. Ihr Finger
zeigte hoch zur Decke. Man sah noch einen schwarzen Fleck, wobei mir
gleich eine Idee kam. Ich bat die Tante aus dem Zimmer: „Könnten
Se mich für einen Moment alleine lassen?“ Sie verstand mich und
schritt aus den Zimmer.
Es
war offensichtlich, ich wollte das Zimmer in der zweiten Ebene sehen,
aber bevor ich jenes tat, musste ich noch kurz in Erinnerungen
schwelgen. Ich saß mich auf das Bett. Die Dinge von damals schienen
mir in das Gehirn zu kommen. Mit den Händen streichend über die
Decke waren meine Gedanken leer vor Emotionen. Das Märchen der alten
Zeit in meinem Kopf, die schönere Zeit. Soviel erlebt hatte ich in
der Zwischenzeit, sodass mein Zeitgefühl etwas verrutscht war.
Normalerweise erlebte ich nie so viele Sachen in einer Woche und
diese war wohl mit Abstand die krasseste. Ich versuchte, trotzdem und
stetig die Konfidenz in meinem Leben zu erhalten, betrachtete dennoch
alles mit süßem Auge. Damit riss ich mich auch wieder aus meinem
Schwelgen und ging über zu produktiveren Dingen. Das war eine, wie
immer, relative Aussage. Schon gespannt war ich, was zu sehen war.
Alexa war ja wohl keines normalen Todes gestorben, also sollte ich
irgendetwas erkennen. In der zweiten Ebene angekommen, traf mich
jedoch die Enttäuschung. Ich konnte es nicht fassen: rein gar
nichts. Nirgends war irgendwo eine Lebenskraft zu sehen, nicht mal am
schwarzen Fleck. Leichte Verwirrung trat bei mir ein. „Wie geht
das?“, dachte ich mir. War es mal wieder Zeit Lyn zu rufen oder
sollte ich doch mal meinen eigenen Kopf anstrengen? Immer wieder die
arme Lyn mit so etwas zu nerven, schien mir nicht richtig und ob sie
mir darauf antworten würde, war mir auch nicht klar. Von meinem
Gefühl her schien sie nicht für jede Sache offen zu sein. Mir war
wiederum aber auch bewusst, dass die Leute bei der Sekte auch Wissen
haben müssten. Vielleicht sollte ich den Spieß umdrehen. Als mir
wieder meine neue Fähigkeiten in das Gedächtnis kamen, spürte ich
einen kurzen Schub von Selbstbewusstsein. Wenn ich ein einzelnes
Mitglied treffe, könnte ich es vielleicht dazu bringen mir einiges
zu sagen. Mit dieser Idee ging ich wieder aus dem Zimmer. Ich sah die
Tante nicht im Wohnzimmer. Ich schritt kurz dort hinein und schaute
mich um. Sie befand sich im Garten, den Baum betrachtend. Ich
gesellte mich zu ihr. „Diesen Baum hat es also auch getroffen?“,
fragte ich sie mehr oder weniger. Sie nickte nur zurück, ganz wohl
fühlte sie sich wohl hier nicht, in diesem Haus. Viel anders hätte
ich mich wahrscheinlich auch nicht gefühlt, wenn man bedachte, was
damals vorgefallen ist. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich
sie gerne getröstet, aber dazu war ich nicht in der Lage. „Leben
sie jetzt alleine hier?“, fragte ich sie, woraufhin sie mir
antwortete: „Tja, irgendwer muss ja hier leben. Ich kann das Haus
nicht alleine stehen lassen. Nach Mietern will ich noch nicht suchen.
Es ist noch zu früh.“ Für mich waren das verständliche Worte.
Somit kündigte sich mein Abgang an. Es gab nichts mehr zu bereden.
Ich machte mich fort vom Haus mit neuen Fragen. Ohne Ziel ging ich
durch die Straßen und wie es der Zufall so wollte, begegnete ich
dabei mal wieder meinem Schicksal.
Ein
Mann, den ich nur flüchtig kannte, lief mir entgegen. Gerade als ich
kurz vor ihm vorbei lief, fiel es mir wieder ein. Er war einer der
Männer, die auf dem Treffen damals waren, dem Sektentreffen. Ich
glaube er war auch auf der Ausstellung, konnte mir jedoch nicht
sicher sein, aber an einem der Tische damals, hatte ich ihn ganz
bestimmt gesehen. Meinen Schritt stoppend, ging ich sofort in die
zweite Ebene. Als ob ich in einem Rausch war, führte ich die
nächsten Aktionen aus. Ich schaute mir seine erbärmlichen
Lebenskräfte an, obwohl dies ja ein eindeutiges Anzeichen war: die
Involvierung der „Magie“ seinerseits. Ich hielt ihn mittels eines
Wortes an: „Hey!“ Er drehte sich sofort um.
Arata:
Kenne ich sie nicht von dem Treffen der Sekte?
Mann:
Sekte? Du meinst die Glaubensgemeinschaft?
Arata:
Tja, das ist ja eigentlich auch egal. Ich hätte da einige Fragen.
Mann:
Und warum sollte ich sie dir beantworten.
Der
Mann geht abweisend einen Schritt nach hinten.
Arata:
Gehen sie nicht. Ich weiß, dass sie mit der Magie involviert sind.
Mann:
Mit der göttlichen Kraft? Woher weißt du, dass ich das Ritual
vollzogen habe?
Arata:
Es scheint so, als ob Sie nicht der Einzige auf der Welt damit wären.
Mann:
Aber wenn du nicht von der Glaubensgemeinschaft bist, heißt das ...?
Arata:
Genau das. Ich bin euer Feind.
Der
Mann ist verwirrt.
Mann:
Tja, tut mir leid, Junge. Ich bin wahrscheinlich noch zu schwach für
dich. Was willst du?
Arata:
Erzähl mir von den Dingen, die ich wissen will ...
Nachdem
ich ihm alles gefragt habe was ich wollte, ließ ich ihn gehen. Er
spürte scheinbar, oder wusste, dass meine Kräfte Unheil anrichten
können. Letzten Endes wusste er nicht all zu viel, aber immerhin von
einem speziellen Treffen, welches kürzlich ausgerufen worden ist. Es
soll unter anderem ein magisches Ritual enthalten. Der Standpunkt war
nicht einmal weit weg von der Ausstellung von damals. Ich
telefonierte mit Katharina nachdem ich dies in Erfahrung gebracht
hatte. Sie leitete es weiter an ihre Kontakte in der
Anti-Gemeinschaft. Wie es weiter verlief, war mir nicht bekannt. Sie
meinten, sie würden einen Späher schicken, mehr aber auch nicht.
Für mich war es klar: Ich musste mich irgendwie da einschleichen und
mitbekommen, was da abgeht. Vielleicht sollte ich eher Angst gehabt
haben in diesem Moment, aber ich hatte sie nur sehr wenig. Etwas
schien in mir wieder den Mut erweckt zu haben. Vielleicht waren es
die Bäume in Alexas Garten, diese Bäume und ihre wunderschönen
violetten und purpurnen Blätter. Wenn die Nadel so wichtig ist,
warum nicht den Heuhaufen anzünden? Genau das waren meine Gedanken,
ab und zu. Vielleicht hatte ich sie auch nur bewusst oder unbewusst
geklaut, aber wer wusste das schon. „Deine schwarzen Haare passen
zu deinen blauen Augen überhaupt nicht“, sagte mir ein Mädchen,
als ich auf dem Weg war zur Veranstaltung. Zufälle passieren,
unglaublich. Die Aussage ließ mich im allgemeinen kalt, ergab sie
auch wenig Sinn für mich. Ich bin halt ein zu rationell angelegter
Mensch. Während ich an einer Kreuzung lang lief, schritt ich
zufällig nach rechts. Wie von selbst fiel mir wieder etwas ein. Ich
hatte noch nicht Igor erlöst. Jetzt sollte es doch aber soweit sein.
Mir kam es zwar in den Sinn Katharina zu informieren, aber eigentlich
hatte ich keine Lust darauf. An sich wollte ich zurzeit mit niemanden
irgendetwas machen, mir waren die meisten egal. Ich war wieder
angekommen in der Sackgasse der Nebenstraße. Der Wald nicht weit weg
von mir. Niemand war in der Umgebung, auf dem Weg sah ich auch
niemand Weiteres. Die Stimme Igors hörbar in meinen Ohren, ging ich
weiter auf die Stelle zu, wo er gestorben war. „Wir gehen auf
weitere Geheimnisse seiner Geschichte ein, sahen sie alle vor unseren
Augen, überflogen sie jedoch nur.“ Etwas für meine Seele, für
meinen Körper und meinen Geist war dies. Ein letztes, kurzes
Gespräch mit Igor ergab sich, der sich vor mir sichtbar zeigte:
Igor:
Das war wohl der letzte Schritt zu meiner Erlösung. Sei vorsichtig,
Arata. Ich weiß nicht, aber die Sekte ist schlimmer, als wir alle
denken und du solltest die Rolle der Götter nicht unterschätzen.
Arata:
Ich versuch' mein Bestes, Igor. Vielen Dank für alles.
Igor:
Meine Schwester wäre bestimmt gerne hier gewesen, auch wenn sie
nicht Tschüss sagen könnte. Ich nehme es dir aber nicht übel.
Manchmal muss man tun, was man tun muss.
Arata:
(Mit leiserer Stimme.) Wenigstens einer, der mich mal
versteht. Na dann ...
Mit
den letzten Worten erlöste ich ihn gleichzeitig. In mir kamen wieder
Erinnerungen seiner Geschichten hervor. Wie auch schon bei Elena
waren diese nur noch hinüberfliegend sichtbar. Sie waren wohl mehr
oder weniger eins mit mir geworden und bestimmten mich unterbewusst,
dachte ich jedenfalls. Mich drängte es doch noch einmal mit Lyn zu
reden. Etliche Fragen stellten sich nun allmählich und ich wusste
nicht mit Gewissheit, wie es weitergehen sollte. Das Gefühl war
immer noch nicht bei mir, ich konnte sie nicht rufen. „Lyn, warum
willst du denn nicht? Oder kannst du vielleicht nicht?“ Begab ich
mich also sofort in Richtung meines eigentlichen Zieles, aß aber
noch davor etwas bei einem Imbissladen. Nichts geht über ein gutes
Sandwich, auch wenn ich Zuhause bessere machte, obwohl „Zuhause“
jetzt für mich schon einen merkwürdigen Beigeschmack entwickelte.
Die
Schüler einer „wahren Glaubensgemeinschaft“ waren versammelt. Es
fand in einem großen Gebäude statt. Es war quadratisch, wie ein
schöner weißer Marmorblock sah es aus, wenige Verzierungen, ein
schlichter, breiter Eingang. Ein Hügel ragte rechts neben dem
Gebäude aus dem Boden heraus, man konnte von ihm aus in eines der
oberen Fenster schauen. Dort befanden sich auch drei Bäume. Perfekt
für mich. Konnte ich doch wenigstens etwas Sichtschutz erlangen. Die
Möglichkeit bestand auch hochzuklettern, um in das oberste Fenster
zu schauen, aber den Aufwand wollte ich mir nicht machen. Es waren
kaum noch Leute drin, die meisten waren gerade erst am ankommen. Ich
beobachtete vom Hügel aus hinter einen Baum angelehnt die Leute
hereingehen. Etwas beängstigend war es schon, immerhin war ich ihr
Feind. Ich schaute mich immer ab und zu um, war angespannt.
Tatsächlich näherte sich eine Person von der anderen Seite. Es war
ein Mädchen, sie sah aber nicht bösartig aus. Vielleicht war es der
Späher. Ich wollte versuchen mich ganz normal zu verhalten, wusste
ja noch niemand von mir, selbst wenn es einer der Mitglieder der
Sekte sein sollte. „Ehre den Traum, die Hoffnung, den Morgen und
die Gerechtigkeit!“ Man sollte doch immer einige Dinge im Leben bis
auf den Tod verteidigen. Sie sprach zu mir im nächsten Moment.
Fremde:
(Lächelnd.) Hallo.
Arata:
Hallo, du Mädchen voller Fremde.
Fremde:
Du erinnerst doch mehr an die Beschreibung Wangs, als ich dachte.
Arata:
Bist du die Schwester?
Fremde:
Unsere Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen. Eine Menge von
unserer Sorte gibt es auch in der Gegend nicht.
Arata:
Das stimmt auch wieder.
Fremde:
Nun gut, mein Name ist Xiaoyu. Nett sich kennenzulernen.
Arata:
Wie würde man das schreiben?
Xiaoyu:
X-i-a-o-y-u. So einfach.
Arata:
Ach ja, ihr Leute von weit her mit euren merkwürdigen Namen.
Xiaoyu:
Die schlechte Ironie wurde mir auch beschrieben.
Arata:
Als ob ich wüsste, was das ist.
Xiaoyu:
Wie auch immer. Wie du wahrscheinlich schon weißt, bin ich hier um
Protokoll von den Ereignissen, die passieren werden, zu führen. Ich
habe schon eine Wanze installiert und wenn du willst kannst du
mithören. (Zeigt ein merkwürdiges Gerät.)
Arata:
Kann ich da Kopfhörer anschließen?
Xiaoyu:
Genau!
Arata:
Gut, dass ich immer welche bei mir habe.
Xiaoyu:
Es sollte bald anfangen. Ich fange dann mal an mit dem Protokoll.
Sie
holte ein Block heraus und notierte sich Dinge. Wenigstens eine
Person, die halbwegs Ordnung schätzte hier, wenn man das so nennen
könnte. Ihre Notizen waren für mich kaum entzifferbar, ihre Schrift
sah zu hässlich aus, geradezu schön. Der Glauben an den Willen der
Schönheit, war es einzig allein, was die Geister spaltete. Wo waren
aber die Leute, die einem eine Banane anboten, wenn man sie denn
brauchte? Auf der dornigen Straße begab ich mich, voller Gefahren.
Oh meine geliebten Freunde, begleitetet mich so doch. Ich schaute in
das Fenster, hörte dabei mit meinen Kopfhörern Geräusche aus dem
Inneren. Ein Rabe flog über die Massen. Er kam urplötzlich aus
einem kleinen Käfig aus einer Ecke des Raumes. Eine Stille kehrte in
den Saal ein. Vielleicht war es so etwas wie ein Anfangsritual. Er
flog noch einige Sekunden, dann stürzte der Vogel. In der Mitte des
Raumes kam er an. Ein Mann nahm dort den Raben hoch und der neben ihm
fing an zu sprechen. Ich hörte die Ansprache:
Mann:
Nun höret den Mann, der diesen Raben erschoss mit der Kraft, die ihn
von den Göttern verliehen wurde.
Sergej
schreitet nach vorne.
Sergej:
Meine Lieben Brüder und Schwestern, die Seele dieses Vogels wird nun
den Göttern ein Geschenk sein. Wir werden ihn ausstopfen, als
Erinnerung an diese Veranstaltung.
Die
Menge jubelt.
Sergej:
Bevor wir mit der eigentlichen Veranstaltung beginnen, muss ich noch
etwas verkünden ...
Eine
totgeglaubte Person tritt aus der Menge hervor.
Alexa:
(Schreiend.) Sergej!
Sergej:
(Mit leiser Stimme.) Alexa, du?
Alexa:
Sergej, was hat dich bloß so verändert?
Sergej:
Bist du interessiert?
Alexa:
Nein, es ist Mitleid.
Sergej:
Ich habe keinen Nutzen für dein Mitleid.
Mann:
Was sollen wir mit ihr machen?
Sergej:
Lasst mich diese Angelegenheit regeln.
Sergej
schreitet nach vorne.
Die
Stimmung im Saal veränderte sich plötzlich. Eine Stille verbreite
sich wie durch Zauberhand in dem riesigen Raum. Ich schaute in die
zweite Ebene. Mir offenbarten sich Dinge, die ich vorher nicht
erträumen hätte können. Der ganze Raum war voll von Leuten mit
Lebenskräften um ihnen herum. Alexas und Sergejs stachen dabei als
einzige deutlich hervor. Die blauen Kräfte um Alexa bildeten den
Kontrast gegenüber Sergejs rote. Währenddessen war ich etwas von
der Tatsache geschockt, dass Alexa, die Alexa, deren Leiche ich doch
damals sah, die Alexa, die doch nicht mehr war, sah.
Alexa:
Willst du echt inmitten deiner „Brüder“ sterben?
Sergej: Du hast Glück, dass du damals nicht gestorben bist. Warst du doch so kurz davor ...
Sergej: Du hast Glück, dass du damals nicht gestorben bist. Warst du doch so kurz davor ...
Alexa:
Tja, wenn ich selbst nicht die Kraft der Götter hätte, dann wüsste
ich auch nicht wie.
Sergej:
Vielleicht sollten wir es doch etwas privater machen …
Sergejs
Kräfte stoßen in den Saal hinaus. Verdrängen die anderen und
lassen alle Personen in Ohnmacht fallen.
Alexa:
Soviel Kontrolle obliegt dir also?
Sergej:
Diese Törichten, wenn sie nur wüssten, dass all ihre Kraft von mir
abhängt.
Alexa:
Bist du es also, der im Ritual ihnen die Kraft leiht?
Sergej: Wer sonst? Meinst du, die Götter schenken so vielen Menschen ihre Kräfte? Einfach so? Du solltest dich glücklich schätzen, die Überreste vom fünften Gott in dir zu tragen.
Sergej: Wer sonst? Meinst du, die Götter schenken so vielen Menschen ihre Kräfte? Einfach so? Du solltest dich glücklich schätzen, die Überreste vom fünften Gott in dir zu tragen.
Alexa:
Du gehst mit deinem Kult zu weit, deine Macht ist schon viel zu groß.
Wenn es so weiter geht … strebst du noch die Herrschaft der ganzen
Welt an?
Sergej:
Nicht die Herrschaft, ich will bloß den Götterglauben der
Menschheit zurückgeben, wenn auch drastische Maßnahmen dazu
erforderlich sind.
Alexa:
Entweder sind sie verrückt, oder du bist es. Vielleicht waren die
Ereignisse vor fünf Jahren doch richtig.
Sergej:
Der Junge vor fünf Jahren war einfach nur sehr verwirrt. Er wusste
doch selbst nicht was er tat.
Alexa:
Weißt du welcher Satz mir immer wieder im Kopf erschien? Es waren
wohl die letzten Worte des fünften Gottes. Sie lauteten: „Ich atme
die Tränen dieser Welt, sehe doch nichts mehr, da ich selbst unter
Tränen stehe.“
Sergej:
Was soll mir das sagen?
Alexa: Du verstehst es wohl wirklich nicht. Seitdem du mehr Macht erhalten hast, bist du anders Sergej.
Alexa: Du verstehst es wohl wirklich nicht. Seitdem du mehr Macht erhalten hast, bist du anders Sergej.
Die
Lichter um sie herum fingen an sich schneller zu bewegen und glühten
immer stärker. Das Geplänkel des Redens war vorbei. „Weißt du,
was da gerade geschieht?“, fragte man mich von der Seite, aber ich
reagierte nicht. Ich signalisierte Xiaoyu, dass ich Ruhe bräuchte,
hielt meine Hand vor mir. Ich konzentrierte mich in den folgenden
Momenten so stark, dass ich die Geräusche auch ohne Kopfhörer
wahrnahm, durch das Lesen der Kräfte. Bahnte sich hier vielleicht
eine weitere Tragödie meines Lebens an, oder wird es eine gute
Wendung für mich sein? Alle weiteren Momente, die ich jetzt erleben
würde, alle Entscheidungen die ich traf, oder die ich auch nicht
traf, könnten in Reue enden. Es war eine entscheidende Situation im
Leben. Es war die Zeit für mich zu urteilen, zu handeln. Im Inneren
brauste sich die Situation immer mehr auf, die ersten Kräfte fingen
an aufeinander zu prallen. Ein Kampf, den ich vorher noch nie gesehen
hatte. „Xiaoyu, wir müssen da rein. Hast du eine Möglichkeit
parat?“, fragte ich sie. „Ich habe da etwas vorbereitet, eine Art
Notfallablenkung, aber naja, nimm lieber etwas Abstand und mach dich
bereit.“ Als nächstes zeigte sie mir eine kleine Fernbedienung und
wies auf das Fenster vor uns hin. Sie stand auf und ich mit ihr. Wir
gingen beide einige Schritte zurück. „Du willst … was machen?“,
fragte ich bevor sie drücken würde. „Na was wohl? Bum bum“,
lächelte sie mir nur entgegen. Eine Lampe leuchtete auf der
Fernbedienung, die Sprengung war getätigt. Die Glasscheibe wurde
relativ sanft, aber mit genug Wucht in das Gebäude hinein gesprengt.
Ich fragte mich wie solch eine Technik möglich sei. „Los, spring
rein, das schaffst du.“ Es war mir bewusst, sie würde nicht
mitkommen. Ich nahm den Moment wahr und Sprang relativ galant hinein,
stützte mich sogar kurz auf das sauber gesprengte Fensterbrett,
landete auf beiden Beinen, ging kurz in die Knie und wieder nach
oben. Es lagen vor mir mehrere Anhänger, sie alle lagen Regungslos
auf dem Boden, die Explosion hatten sie nicht wahrgenommen. Daraufhin
sah ich die zwei etwas erstaunten Personen, der Schreck musste sich
wohl erst noch kurz legen.
Arata:
Ich unterbreche euren klischeehaften Rot gegen Blau Kampf nur ungern,
aber es scheint mir, weitere Tode wären mir nicht mehr sehr lieb.
Sergej:
Wie hast du deine Macht versteckt? Selbst den letzten Auserwählten
konnte ich spüren.
Alexa:
Eigentlich wollte ich nicht, dass du kommst …
Arata:
Tja, der Retter der Hilflosen kommt immer zum falschen Zeitpunkt.
Weißt du warum ich so fröhlich bin?
Sergej:
Warum … ?
Arata:
Weil noch nichts Schlimmes passiert ist.
Mit
diesem fundamentalen Satz fing das Spektakel an. Sergej versierte
mich mit seinen Augen an. Ich war kurz von seinem ernsten Blick
abgelenkt und begann sofort in die zweite Ebene zu schauen. Um mich
herum wurde es rot. Daraufhin kamen die blauen. Ich war verwirrt,
soviel hatte ich noch nie gesehen. Konnte ich mich doch kaum
erinnern, wie der Kampf gegen Artjom verlief, war ich doch in halber
Ekstase damals gewesen. Hatte ich mich vielleicht etwas übernommen?
Ich konnte kaum in die einzelnen Kräfte sehen. Sie waren so enorm
stark ausgeprägt, als ob es geradezu blenden würde, jetzt wo ich so
nah bei ihnen stand. Meine Fassung war komplett zerstört. Ein blauer
Wind zog an mir vorbei. „Jetzt konzentriere dich doch wenigstens“,
sagte mir eine Stimme im Kopf. „Wie ein Schütze der sich auf eine
Zielscheibe konzentriert, musst du zielen. Das hier ist Sergej. Gib
seinen Gefühlen weniger Beachtung. Schieße sie einfach weg!“ Die
Stimme beruhigte mich zum Glück auch etwas und ließ meinen Verstand
wieder auf die Sache richten. Es war, als hätte ich meinen
Herzschlag stark gespürt und dieser war der Taktgeber. Ich hörte
auf mein Herz. Unzählige Lichter vor mir, von rechts nach links, von
links nach rechts, ich betrachtete sie alle in einem vorübergehenden
Blick. Wie eine Bewegung, die man nur in Gedanken ausführte, bewegte
ich eine starke Kraft von mir weg auf die bevorstehenden roten
Lichter. Es kamen meine Lichter hervor. Sie leuchteten purpurfarben.
Das Rot vor mir wurde weggestoßen, wie ein Windstoß schossen meine
Kräfte geradeaus. „Oh, preiset die Götter.“ Ein Lachen kam von
dem etwas gekrümmt stehenden Mann, als ob er gerade aufwachte. Just
in diesem Moment stieß vor mir ein Licht auf. Es stieß in meinen
Körper. Das eklig, ungewohnte Gefühl kam in mir hoch. Es war nicht
so wie beim Kampf gegen Artjom. Es war eher als ob mir ein Teil
meiner Konzentration geraubt würde, eine Schwächung meiner. Das
Gelächter hielt an, es war leise im Hintergrund, war es Absicht oder
ein Nebeneffekt seiner Kräfte? „Hör auf Spiele zu spielen.“
Sergej wollte mich scheinbar verwirren. „Du brauchst einfach zu
lange. Hör auf Spiele zu spielen“, die Stimme Sergejs schon
wieder. Also sagte ich: „Renne weg. Gehe fort von mir.“ Doch er
erwiderte nur: „Das wird nicht geschehen.“ Nein, nein, es war
nicht so wie ich wollte. Als ob eine Blockade vor meinen Muskeln
implantiert worden wäre, konnte ich mich kaum bewegen. Ich sah die
Lichter sich um mich herum versammeln. Das Lachen wurde lauter und
lauter. Es fühlte sich an, als ob etwas sehr Schlimmes passieren
sollte. Mein Bauchgefühl war ganz und gar nicht gut.
In
deinen Himmel kehre ich zurück, gebe dir mein Herz. Die Wolken
hinter deinen Gedanken, weit, weit entfernt, Tag und Nacht, in deinem
Himmel. Es wurde Musik, das Herz fliegt. Ich singe und lebe nur für
dich. Schon wieder auf dem Weg zum Weg. Ich spaziere auf dem
Boulevard zu den Straßen. Wir warten auf dich, du wartest auf mich,
komm zu mir. Wortgewandt, merkwürdig, eine Liebe ohne Grenzen in der
Höhe des Abgrunds. Ich sehe mein Leben durch deine Augen. Ich kenne
dich zwar nicht, aber vertraue dir völlig, brauche keine Zeit mehr.
Die
Lichter meiner verschmolzen sich mit denen von Alexa. Wegen dessen
schien sie schwer erschöpft, sie brach in die Knie. Im selben Moment
wichen die Kräfte Sergejs zurück und zurück. Mehr und mehr schien
er auch an Kraft zu verlieren. „Zöger nicht zulange, Arata.
Versuch ihn schnell zu töten, oder wenigstens Bewusstlos zu
kriegen.“ Harte Anforderungen wurden an mich gerichtet. Manche
Dinge erreicht man nur, um zu sein. Jede Geschichte hat seine Steine.
Oh, renne doch einfach weg. Ich sagte „renne doch einfach“. Die
dornige Rose, die nie blühte, ging. „Ich hab es dir zwar nie
gesagt, aber ich liebte dich nicht wirklich.“ Warum gerade jetzt
diese Worte? Kehrten die Flügel des Vogels doch zurück? Der Traum
und die Tage vergingen gleichzeitig. Das Geschehene an diesem Tag
fing an sich zu vergessen. Ein großes Gefühl bewegte auch eine
große Sache. Die gehörten Worte füllten in mir eine Kraft auf, die
ich einfach abließ. Die an mir gebrachten Emotionen konnte ich nicht
länger festhalten. Die nicht gesagten Dinge, die ich nicht sagen
konnte, die niemals kommen werden. Hörst du sie denn? Diese
abertausend Worte, die ich sagen wollte. Falsche Wahrheit, wohin
sollen wir gehen … Die blühende Blüte, irgendwie brachte sie mir
das bei, was mir wichtig war. Ein großes Feld voll von rotem Licht
war vor mir, ich war dabei es zu überwinden. Eins nach dem anderen
wurde von meinem und dem Licht Alexas einfach zurückgestoßen, dabei
seiner Ausstrahlung beraubt. Die Helligkeit nahm ab. Alles wurde
zurückgedrängt, alles näher zum Schöpfer, die Flanken taten sich
auf. Die Lichter auf unserer Seite hatten einen schönen lilafarbenen
Ton. Welche Uhrzeit jetzt wohl war? Es war spät und die Nacht
lächelte wahrscheinlich während unseres Kampfes. Einen Schrei
weniger würde es am nächsten Tag wohl nicht geben. Ich spürte
meine Brust. Unglaublich, dass ich meinen Körper in diesem Moment
aktiv wahrnahm. Die Atmung im Magen und in der Lunge fühlte sich
zittrig an. Was war das? Reflexartig versammelte ich alle Kräfte
wieder bei mir, sah ich doch in einem winzigen Moment etwas auf
Sergejs Gesicht. Er stieß eine Kraft direkt von sich, aus seinem
Körper, geradewegs zu mir. Hast du nur darauf gewartet? Als ob auch
ich eine Antwort erwartete. Ich bemerkte eine Feuchtigkeit auf meiner
Wange. Die Tränen waren geflossen. In der ersten Ebene sah ich es:
Alexa lag auf dem Boden, geradezu leblos. In der zweiten Ebene wusste
ich warum: Sie war auch ein Ziel Sergejs überraschenden Angriffs
gewesen. Das Bild vor mir erinnerte nun an einen Regen,
wahrscheinlich lag es an dem blauen Leuchten. Die Kräfte trennten
sich, es schwebten nur noch einzelne Tröpfchen in der Luft. Ein
trauriger Anblick für mich. Meine Manie ließ ab von mir, das
Zittern meines Atmens war das Einzige, was ich noch halbwegs
bemerkte. Sergejs dumme Lache erschien schon wieder. Ein Schub voller
Hass kam in mir auf. Innerhalb nicht einmal einer Sekunde schickte
ich ihm nicht nur einen überaus bösen Blick in seine Richtung,
sondern auch eine Welle meiner Lebenskräfte, die aus mir
herausströmten. Es war mir schon wieder egal, egal ob ich einen
Menschen umbringen würde oder nicht. Ich sah nur noch, wie er in die
Knie fiel und schritt dann an Alexa heran. Sie war schon
zusammengebrochen und lag dort mit offenen Augen vor mir. Ihr Gesicht
sah schon kraftlos aus und dies gab mir ein Gefühl, ein Gefühl
welches ich vorher noch nie hatte. Jemand würde in meinen Armen
sterben. Wahrlich war ich kein Hellseher, aber für manche Dinge
hatte ich einfach ein Gespür, waren sie doch noch so traurig. Aber
wieso ausgerechnet mal wieder ich? War ich denn leicht debil auf die
Welt gekommen, dass ich soviel Schmerz zu spüren vermochte? Wollte
ich denn wieder nur ein Mädchen lieben, nur lieben. Ihre Lippen
bewegten sich, sie wollte mir etwas sagen. Intuitiv nahm ich zu ihr
in der zweiten Ebene Kontakt auf. Es fand ein Gespräch in Gedanken
zwischen uns statt:
Alexa:
Arata, das ist wohl mein letzter Moment. Ich muss dir etwas
anvertrauen.
Arata:
(Unterbricht.) Alexa …
Alexa:
Sei nicht allzu traurig. Du hast bestimmt einige Fragen, aber dafür
ist keine Zeit. Das Siegel des fünften Gottes ruht in mir, wodurch
ich auch diese Kräfte besitze. Ich will, dass du sie nun nimmst.
Arata:
Danke …
Mein
Herz schlug wieder langsamer, ich konnte nur noch die Situation in
Automatismen bewältigen. Hinter mir stieg eine Person wieder auf.
Für sein Alter war er faszinierend gut in Form, dachte ich mir
jedenfalls. Ich trat hervor, mich dem Feind stellen. Das Blaue löste
sich auf, verteilte sich auf die ganze Halle, schwebte mitten in der
Luft. Währenddessen fühlte ich etwas Fremdes in mir. Neue Mächte
in mir kamen auf. Wie ein sanfter Regen der auf mich herab prasselte.
Die Erinnerungen, die Bestandteile Alexas Leben waren mitten im Raum
verteilt, genauso wie meine und Sergejs. Es war verrückt, mit was
wir uns bekämpften. Meine Sicht war verändert, ich sah leichter als
je zuvor in eine einzelne Kraft. Sah Sergejs rote Lichter wie eine
Geschichte. Sie interessierten mich aber nicht, waren uninteressant,
nur einige Bilderfetzen musste ich sehen. Es machte mich traurig. Ich
hatte eine Trauer in mir, die meine anderen Gefühle unterdrückte.
Sergej stand vor mir, bereit zu kämpfen, aber ich, ich wollte nicht
mehr kämpfen. Die Notwendigkeit schien mir nicht mehr vorhanden. Ein
weißes Licht entstand vor mir. Es entsprang aus mir heraus, es
fühlte sich mächtig an. Ich sandte es nach vorne, direkt zu ihm. Er
fiel um und seine Lichter wurden schwach. Ich wünschte, ich könnte
mich einfach umdrehen und weggehen, diese ganze Sache vergessen.
Meine Willenskraft war unglaublich stark, einen letzten Blick auf den
umgefallenen Sergej machte ich noch und ging dann wirklich. Ein
Gefühl in mir, wie am Anfang meines unglaublichen Schicksals. So
ging ich aus den Raum heraus ohne zu wissen, was weiter geschehen
sollte. Mir war eigentlich auch alles egal. Nach diesem Geschehen
wollte ich einfach nur in eine Ecke gehen und weinen …
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