Kapitel 4 Die Wirklichkeit
Kapitel 4
Die Wirklichkeit
Ich brach die Stühle, warf sie gegen die Wand, den Tisch schmiss ich aus das Fenster, zündete meine Schulunterlagen an, schlug den Lehrer mitten in das Gesicht, stand während der Stunde auf und ging einfach auf ihn zu. Ich fühlte mich mächtig, zerriss seine Sachen, zerstörte alles: eine Wut. „Ach manche Fantasien ... muss man einfach zu Ende denken“, waren meine doch so bösen Gedanken. Lag aber nicht in jedem eine große Fantasie der Zerstörung, reichte doch die Imagination bestimmt bis zum anderen Teil der Seite eines Menschen. In diesem Käfig der Gesellschaft müsste man irgendwie abschalten, jeder auf seine Weise, aber dabei versuchen niemand anderen zu schaden.
Ich stand von meinem Bett auf. Meine Augen waren noch müde, mein linkes Auge fühlte sich noch schwach an. Es war eh meine schwächere Körperseite, die Linke. Meine Blutzufuhr zum Penis war wohl wieder aktiv gewesen. Ich ging zur Toilette und ließ es Urin rieseln. Nie mehr ging es weiter. Nie mehr ging es weiter. So kehrte ich zurück. War ich doch noch ziemlich müde und die Versuchung groß, zurück in das Bett zu gehen. Kein Schmerz, kein Gewinn. Ein Weg, eine Entscheidung. Kein Weg, eine Entscheidung.
- Flüstern auf Flöten -
Was war bloß mit mir los. Waren wir es doch, die Diebe der Menschen. Wir klauten tagtäglich unseren Wohlstand zusammen und für welchen Zweck? Immer mehr und mehr Wohlstand. Es machte alles kein Unterschied, lebte ich hier oder dort. Mehr Möglichkeiten auf unendliche Befriedigung fand man bestimmt hier, aber wo fand man schon endlose Befriedigung in seinem Leben. Die Suche nach Glück. Oh Gott ... oder auch nicht Gott. Über was dachte ich doch bloß wieder nach? Meine Gedanken entschwunden mir schon wieder. Lösungen ... Lösungen wollte ich als nächstes finden. Mir fielen keine ein. Zu weit weg schienen sie. Die einfachste Methode, um auf dem Planeten Glück zu schaffen ... Glück verbreiten, und mit Glück verbreitet es sich. So lautete meine Schlussfolgerung. Ich beschloss nun, endlich aufzustehen. Mein Hals knackte etwas, ich lag mit dem Bauch auf dem Bett. „Ahh, shit, immer wieder derselbe Scheiß, mein Körper ist im Arsch.“
Ein Glück musste ich an diesem Tag erst sehr spät zur Schule und konnte mich deshalb bis 10:00 Uhr im Bett ... vor meinem Leben verstecken. Die anfängliche, benebelte Stimmung schien so langsam zu schwinden. Wie aus einem Automatismus heraus ging ich in die Küche, trank einen großen Schluck Saft und holte die Toasts aus dem Kühlschrank. Der erste Geschmack am Morgen war immer ein anderer. Süßes viel süßer, bitteres ... eklig halt. Ich war allein Zuhause. Wie mich das doch freute. Keine Menschenseele die mich stören konnte, niemand der mich fragte, was los wäre. Niemand der mich doof begrüßte oder irgendwas von mir in Frage stellt. Manchmal nervte mich meine Mutter schon mit ihren sinnlosen Kommentaren oder Anmerkungen. Ich wusste nie, warum meine Mutter so sein musste. Vielleicht wollten manche Eltern einfach alles … oder wenigstens vieles über Kinder wissen und müssten sie darum oft nerven, aber ich war doch schon ... 18. Ich glaubte, meine Mutter wusste nicht einmal, dass ich ab und zu schon besoffen herum gelaufen war. Jedenfalls schien sie zu denken, ich hätte wenig Ahnung vom Alkoholkonsum. Ich wollte aufhören an meine Mutter zu denken, es brachte ja doch nichts. Irgendwann würde ich ausziehen, wenn die Schule vorbei wäre ... und dann wäre ich frei, jedenfalls von ihr. Ganz lässig und Stressfrei ging ich in die Schule, machte mir noch nicht Gedanken über die Zeit nach der Schule, allgemein sowie spezifisch an diesem Tag ... Die Sonne lächelte mich wieder beim herausgehen an. „Hallo Sonne, ich liebe dich“, sagte ich. Niemand war auf den Straßen. Ein einsamer Weg zur Schule. Ich mochte es. Alles schön ruhig, friedlich, man konnte entspannen. Selbst wenn man der einzige war der lachte, man hatte dennoch Spaß. Kann man die Dinge von Morgen nicht verstehen, obwohl man in sie vertraute. Einfach nur unveränderlich war es, egal ob sie es rein von der Möglichkeit her waren, oder ob sie es rein vom Inneren her nicht wollten, sie waren unveränderlich. Ich dachte dabei über Personen nach, die ich jeden Tag sah. Ich dachte dabei über Dinge, die ich jeden Tag konfrontierte, doch nie über das, was ich jeden Tag liebte. Tat ich denn irgendetwas täglich lieben? Ich wusste es nicht. Der Blick nach vorne öffnete mir wieder die Wirklichkeit, ich hatte keine Zeit, viel zu überlegen, für die meisten Dinge nicht einmal weniger als zehn Sekunden. Innerhalb eines Streites oder einer Diskussion hatte man meist nur wenig Zeit, besonders beim Ersteren schien es mir so, als ob die Leute gerade zu „Zugzwang“ hätten, anstatt man es ruhig angänge ... Mir gingen die normalen Sitten der Leute manchmal echt auf den Sack. Als ob niemand über unsere Weisen und Arten an sich nachdenken würde, ist jeder gleich bei sozialen Angelegenheiten, guckt nur ab vom Anderen, versucht sich zu flüchten, falls überfordert, versucht abzuwenden, falls aussichtslos.
Ich ging durch die Tür in meinen Unterrichtstraum. Es war merkwürdig. Melanie war nicht anwesend. Irgendwie ein Gefühl der Erleichterung, ich konnte nicht darüber nachdenken, wie ich sie ab jetzt ansehen sollte. Es war für mich merkwürdig. Ich behandelte Menschen eigentlich nicht groß anders, egal wie stark ihre Beziehung zwischen uns, aber nervös machten mich doch einige ... manche auch ängstlich. Der Unterricht hatte angefangen. Irgendwie überkam mich in der Wärme des Raumes die Müdigkeit. Ich lag mich mit dem Kopf auf den Tisch.
Ich wollte nicht sein, um ich zu sein. Ich wollte sein, um zu sein. Die Nacht ist in Ordnung, ohne Arbeit, schweres Verständnis. Fünf Lichter, schweres Verständnis. Ich werde vielleicht so sein wie du. Ich will nicht sein, um du zu sein.
"Was zur Hölle ... ich habe im Unterricht kurz geträumt ...“ Ungefähr für zwei bis drei Minuten schlief ich im Unterricht. Es schien niemand bemerkt zu haben, der Lehrer war zu vertieft in seiner Rede und ich saß zum Glück relativ weit hinten. Ich richtete mich wieder auf. Meine Energie kam wieder zu mir zurück. Einfach ging es sich nicht. Auf dem Pfad der Verwirrung gab es nichts anderes, aber ich konnte mein Leben ändern. Das Herz eines Kindes. Ich dachte darüber nach, was ich eigentlich hatte. Es war nicht wichtig. Ich dachte nie tiefgründig, durch und durch, über etwas nach, lieber hakte ich es ab. Zu viel und zu viel könnte es mich doch belasten, mehr und mehr zu denken. Ich musste wissen, was ich tat. Tat ich es zum atmen, zum leben? Waren wir doch Möchte-gerne, weil wir so krank sind. Konnten wir uns jedes mal konzentrieren? Hatten wir jedes mal Ordnung? Es klingelte zur nächsten Stunde. Ticken doch unsere Herzen gleich ganz anders. Das Gehirn entlastete, oder machte neue Sorgen. Spielte denn irgendjemand noch meinen Song? Ich fühlte mich wie in einer Masse von Andersdenkenden. Warum ging denn niemand auf die Tanzfläche? Warum unterhielt mich niemand? Warum konnte niemand Empathie mit mir empfinden? Den Flur entlang fühlte ich solche Dinge. Manchmal wollte ich schreien, so wie andere, befreiend wäre es doch. Die Würde wegwerfen. Tick-tick-tack. Die neue Unterrichtsstunde fing wieder an.
- Tag für Tag -
Innerhalb der Unterrichtsstunden hatte ich nie einen Überblick, war immer nur gefasst auf die nächsten Ereignisse, die mich betreffen könnten. Sagte er doch die falsche Antwort, war ich auf die richtige gefasst. Fragte sie doch, überlegte ich auf die Antwort hin. Ich war ein eher passiver Schüler. Ich wusste nicht warum. Es lag wohl an meiner Gewohnheit, auch wenn ich nach der Zeit Selbstbewusstsein gewonnen hatte, lag es mir nicht nah mich aktiv zu geben. Es war irgendwie das Leben, alte Dinge zu vergessen, aber alte Dinge trotzdem anzuwenden. Man erfindet wenig Neues in seinem eigenen Leben. Es wäre besser mit dem Lügen aufzuhören und das Ding namens Wirklichkeit anzunehmen. War es doch so schwer für mich. Ich war abgelenkt, mitten im Wirtschaftsethikunterricht. Diese Gefühle werden auch wieder verschwinden. Das gehört irgendwie zum Leben dazu. Kannst du mich hören? Leben?
Dinge die nicht sichtbar waren. Nicht für andere. Dachten wir ja nicht kollektiv, dachten wir doch jeder für sich, einsam und verlassen. Wie jeder anders dachte, fasste er es anders auf, vielleicht auch an. Sähe ich nicht, ginge ich anders. Ginge ich anders, sähe ich. Auch dieser Traum würde irgendwann zu Ende gehen, für mich auf jeden Fall. Wie jeder so das Glück in sich anders bestimmte, bestimmte ich für mich etwas anderes. All diese Substanzen, all diese Zutaten zum Glück im Leben, die mir dazu verhelfen könnten, schienen für mich anders. Ich schien mich nicht zu anderen Menschen einordnen zu können in gewissen Dingen. Meine Gefühlswelt war so ganz anders, ich nahm Dinge wahr, doch wusste ich nicht, was andere dabei fühlten, diskutierte man über seine Gefühle wäre das Ergebnis der Meinungen für mich doch trotzdem nicht das Gleiche wie ich es letzten Endes fühlte. Ich fühlte mich so Unverstanden im Leben, als ob es nichts gäbe. Ich könnte mich öffnen ... Dinge anvertrauen, die intimsten ... die emotionalsten, die schönsten und doch ... kaum einer kann damit viel anfangen. Selbst wenn? Was erwartete ich? Das mich jemand verstehen könnte? Bin ich es nicht selbst der verstehen muss? Reicht es nicht wenn nur ich mich verstehe? Das Leben würde auch ohne mich weiter laufen, also muss ich auch ohne das Leben weiterlaufen können.
- Willkommen zur Welt der Welten, kleiner Homie -
Es war genau so wie wenn man zischte und die Zunge entlang glitt an den weichen Stellen deines Mundes. Es war dieses Gefühl der Mitteilung. Man wollte doch immer die Aufmerksamkeit wegen irgendetwas, wollte man doch nur Liebe, ein Gefühl der Bedeutung im Leben. Niemand wollte unbedeutend sein. Fuck you. Mein Lehrer redete wieder totalen Stuss im Politikunterricht. Ich glaubte, er war etwas rechts, wie man so schön sagt. Persönlich glaubte ich nie an die Theorie von links und rechts in der Politik, für mich waren das nur dumme Einordnungen von verschiedenen chauvinistischen Gruppen, die letztlich gesehen ihre eigene Ideologie über andere Meinungen stellten. Selbst die Mitte war für mich nicht anders, bemerkten sie es doch nicht. Er war sichtlich aufgeregt. Mich freute es doch immer wieder wenn sich Lehrer aufregten wegen irgendetwas. Es zeigte mir ihre Menschlichkeit.
Die Schule war fast vorbei, so schritt ich zur letzten Stunde des Übels. Man freute sich doch am letzten Stück angekommen zu sein, obwohl man erschöpft war. Ich weiß aber, dass es schlimmere Tage gab und ich mich wohl glücklich schätzen sollte. Man hätte ja krank sein können oder an Schlafentzug leiden können. Alles Möglichkeiten, die nur wenn man sie erlebte, wirklich zu schätzen wüsste, denn bis dahin brauchte niemand meine Hilfe. Wenn ich etwas nicht selbst erlitt, brauchte ich auch niemand in einer schlechten Situation zu helfen. Wäre ich aber nun krank würde ich weinen, weinen nach Hilfe. Tränen, die man nicht verstecken konnte, die aber nicht sichtbar waren. Vielleicht brauchte ich wieder Ablenkungen im Leben. Immer soviel nachzudenken, schadete mir vielleicht, aber es hielt mich fit. Für was? Für die Härten des Lebens. Es ist wie eine Melodie ... die Tonhöhen fielen, Oktave um Oktave ... bis man nichts mehr zu hören wahrnahm, bis man nichts mehr hören wollte. So hörte ich das Klimpern. Die Saiten, die Luft, die Töne, das Rauschen, die Komposition, den Höhepunkt, die Gefühle in mir rauschten. Erblickte ich im nächsten Moment doch wieder das Mädchen, dessen Name ich wirklich nicht vergessen konnte. Er fiel mir zwar nicht ständig ein, aber dennoch. In mir kam bei ihrem Anblick immer ein gewisser Eindruck in das Bewusstsein.
Eigentlich erhoffte ich mir doch so einiges von ihr, doch ich wusste daraus wird wohl nichts. Hätten wir ja doch sonst schon miteinander gesprochen, obwohl ich mich immer an ihre warmen Hände erinnern würde. Vielleicht war ich zu oberflächlich in der Angelegenheit gewesen, aber eigentlich stellte das meine Gleichgültigkeit zur Schau. Irgendwo wollte ich mich doch nur selbst befriedigen, beziehungsweise von ihr befriedigen lassen. Es waren einfach tolle Gefühle die andere auslösen konnten, insbesondere sie. Manchmal war ich mir gar nicht sicher, auf welche Frauen ich stand. So oder so schien mir der Körperkontakt am meisten zu gefallen und es kam mir gar nicht so sehr auf das Äußere an, beziehungsweise mein Geschmack änderte sich auch manchmal … Irgendwie zweifelte ich daran ob ich einen eigenen Geschmack hatte oder letztlich gesehen unterbewusst von anderen Meinungen beeinflusst wurde, dass ich gar keinen wirklich eigenen mehr hatte. Es sah so aus, als ob mein Weg noch sehr lange sein würde, jedenfalls an diesem Zeitpunkt, aber schon damals wusste ich: Entwicklung passiert immer ... oder auch nicht. Dieser Weg … Wo war ich eigentlich? Ich vergaß es für kurze Zeit. War ich doch in einem Unterrichtsraum. „Was für ein unwichtiger Mensch ich doch bin.“ So ungefähr fühlte ich mich an. Wenn ich alle meine Gefühle, die mich an die Gesellschaft der Welt binden, einfach vergaß, dann wusste ich nichts mehr. Und 1 und 2 und 3 ...
Ich grinste, mitten im Unterricht, völlig ohne einen Sinn. Vielleicht wollte ich etwas Aufmerksamkeit, ganz unterbewusst, einfach so. Dann meldete ich mich und äußerte mich zum Thema. Genugtuung war mir getan. Meine Meinung geäußert. Es hat mir gereicht für diese Stunde. Ich hörte mir den Rest noch aufmerksam an und schneller als gedacht ging diese auch vorbei. Ach war es doch ein schönes Gefühl, so ganz allein aus dem Unterrichtsraum zu gehen, allein nach Hause. In völliger Einsamkeit ... allein auf der Welt, so ruhig, so ohne Sorgen, man kümmerte sich nur um sich selbst. "Wenn du herkommst ... wirst du mich finden ... ich verspreche es.“ Manchmal fühlten sich bestimmte Anblicke für mich an, als ob tausende Lichter am Weihnachtshimmel aufgingen, bloß dass ich dabei keine künstlichen Effekte brauchte. Ich sah diesen Kirschblütenbaum vor mir. Die Tränen fielen, es war ... als ob der Baum ein Lied spielen würde. Spürte ich doch die Noten, hinter einander weg. Es war ein ruhiges Lied, voller Gefühl, voller Sehnsucht. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Schien es mir doch so, als ob ich alle Zeit der Welt hätte, keine Sorgen in diesem Moment würden auf mir lasten. Ich stand und stand, weiter und weiter. Mir war nur Leere im Kopf gegeben. Wie die Gestalten aus einem Märchen. Vielleicht fühlte sich doch so das einfache Leben an, ohne viel Probleme. Einfach genießen, was am nächsten schien, keine Pläne, nur das Leben als Plan. Ich liebte diese Szenen. Lösten sie doch die meisten Gefühle in mir aus, wenn ich sie erblickte. Oh, wie ich hätte innerlich weinen können, Leuten nicht diesen Zustand eins zu eins übermitteln zu können. Würde sich doch die Welt um einiges besser anfühlen könnte ich es ... „Wenn wir alle nur versuchen würden uns mehr an unsere Gefühle zu erinnern, dann ...“ Fühlte ich mich so voll Unlust für das weitere Leben, was wollte ich denn noch machen? Mein Leben schien so erfüllt in diesem Moment, als ob ich nichts anderes mehr bräuchte, als könnte ich in Frieden sterben, wozu brauchte ich große Taten im Tot ... Das einfache Leben genügt mir doch manchmal so sehr wie kein anderes, doch auch ich musste wieder zurückkehren, dorthin wo man mich brauchte. Lebte ich doch letzten Endes für andere, mit anderen, um andere, gegenüber anderen, nebeneinander, ja einfach ... anders durch andere.
Meine Füße bewegten sich langsam zu meiner Haustür. Ich spürte es immer noch ... Solche Gefühle ... zu spüren … Ich kam wieder langsam zu mir, war aber noch etwas benommen. Dachte ich doch als nächstes an das tägliche Mittagessen, der Automatismus löste mich vom Einklang mit mir selbst. Auf in die Küche wollte man. Das war etwas, was mir wichtig war. Ich liebte doch so sehr Spaghetti, wie nichts anderes auf der Welt an Speisen. Ausnahmsweise machte ich kurz das Radio an, eigentlich mochte ich diese Geplärre nicht so. Es nervte mich auch immer, wenn andere während des Kochens immer das Radio anhaben mussten und dann lief ausgerechnet einer dieser ekligen Popsongs. Ein ruhiger Song lief, ein Glück. Mit dieser Gewissheit konnte ich es wieder ausschalten und anfangen zu kochen. Eine einfache Spaghetti sollte es werden. Ich holte die Zwiebeln aus dem Fach, die Tomatensauce aus der Packung raus, die Nudeln, den Knoblauch und die Töpfe. Ich bereitete alles vor und packte dann das Fleisch in die Pfanne, kochte währenddessen die Nudeln. Als das Fleisch gut durch war, fügte ich die Soße hinzu. Schmeckte ab mit Zucker und schwarzem Pfeffer. Wie schön es doch schmeckte, jedenfalls für mich, wie andere die Spaghetti fanden war mir eigentlich egal. Alleine war ich am Esstisch, ich wusste gar nicht, wo mein Bruder heute war, vielleicht mit Freunden weg oder mit Mama. Ein Schrei in meinem Kopf, eine ungewollte Reaktion, eine plötzliche Bewegung, ich aß eine saure Traube. Die kleinsten Trauben schmeckten immer sehr merkwürdig sauer. Vielleicht sollte ich mehr in Biologie aufpassen, warum dass denn so war. Mit Schlaf war ich kein Mensch. Die Müdigkeit trieb sich wieder in meinen Knochen, als ich in mein Zimmer langsam wandelte. Ich legte meinen Rucksack ab und überlegte in mein Bett zu gehen. Die Versuchung war groß. In meiner eigenen Welt hätte ich es mir doch verzeihen können, aber in der anderen Welt ... wohl eher nicht. „Nur eines will ich dir mitteilen ... wenn du Liebe ... unzertrennbare ... Lügen ... auch Geschreie ... bis zum Finale.“ Manchmal fühlte ich mich doch sehr müde vom Leben und vom Tag. Dann hörte ich traurige Musik, langsame Musik welche mich zum Nachdenken verleitete, zum Schwelgen in meiner eigenen Welt. Während dieser Phase fühlte sich das Leben so anders an. Ich wollte kaum an das Weitere denken, an all das Unerträgliche. Doch dann hörte man dieses eine Lied, eine Stimmung hob sich nach oben, man hatte wieder die Lust aktiv zu sein. Und so sollte es auch mit mir sein. Der Mittag verging wie im Fluge.
Ich traf mich wieder mit Katharina. Dieses doch recht schöne Mädchen war in meinen Augen heute so ruhig. Ihre Aura strahlte Gelassenheit auf mich herab. Für ganz kurze Zeit spürte ich etwas, als ob ich in meine Vergangenheit trat, so fühlte es sich an. Woran erinnerte mich gerade dieser Anblick? Warum konnte ich es nicht mehr wissen, wollte ich doch, würde ich es doch so gerne. Wie konnte man sich bloß an Dinge erinnern, die man nicht aufzeichnete? „Schade! Das Leben läuft und läuft.“ Wir waren in einer mir unbekannten Straße. Es war eine kleine Nebenstraße, eine Sackgasse und hinter ihr ein großes Waldgebiet. „Hier ist er also gestorben?“, fragte ich Katharina. „Ja, dort“, sagte sie mit einer Pause und lief weiter zu einem bestimmten Ort. Ab diesem Zeitpunkt wäre es vielleicht sogar egal gewesen. Es fing wieder an ... Konkrete Abschnitte aus dem Leben ihres Bruders kamen in mir hoch:
Katharinas Bruder 12 Jahre
In einem Sekretariat
Frau: Es sieht so aus, als ob ihr Sohn nicht viel Begabungen in den Sprachen hätte. Vielleicht sollte man eine andere Schule in Betracht ziehen.
Mutter: Sind sie sich sicher? Kann er es nicht trotzdem schaffen?
Frau: Schon ... möglich ist es, aber ich weiß nicht wie sie Igor einschätzen.
Mutter: Ich denke schon er kann es schaffen, mit etwas Nachhilfe.
Igor 13 Jahre
Ich sah aus seinem Inneren ... Man hätte zusammenfassen können mit Unverständnis und Gedanken, die sich um sich selbst drehten, aber es war vielleicht anders, als ich zu diesem Zeitpunkt dachte. Es war letztlich immer schwer die Gedanken eines anderen auszuwerten, auch wenn man sie direkt vor sich sah:
„Die Lehrerin war einfach schlecht ... Meine Mitschüler ... Alles Idioten. Nur ein oder zwei sind ganz okay. Wie soll man denn da gute Noten schreiben? Ich wusste von der einen Aufgabe nicht einmal, wie ich sie lernen sollte. Hatte ich etwas verpasst? Verdammt, mir sagt das auch niemand. Wenn ich mal etwas machen müsste, dann in ganz kurzer Zeit, aber in der langen Zeit dazwischen fehlt mir die Motivation, manchmal hab ich auch einfach gewisse Hemmungen. Es ist merkwürdig.“
Seine Gedanken waren für mich nachvollziehbar. Ich wusste es. Die Welt bestand nur aus den Vorstellungen anderer, welche man versuchte zu Erfüllen oder aber auch nicht, indem man ihnen Unbewusst trotzte und dann nur derbe Enttäuschungen verzeichnete, weil man nicht klar darüber urteilen konnte. Es war für mich eine Trauer, schon wieder, aber ich musste noch tiefer, mehr über ihn Erfahren, um ihn befriedigen zu können. Es wurde mir immer schwerer seine Gedanken aufzunehmen. Sie waren noch um einiges härter als bei Elena. Dies war wirklich ein Fall von Trauer und Depression. Reden ist jetzt nur noch sinnlos. „Egal was du tust, nichts wird dir helfen und es gibt auch keinen Weg dies zu ändern.“
Igor 17 Jahre
In einem mir unbekannten Zimmer.
Mann: Wenn du uns beitrittst, kannst du endlich wieder glücklich werden. Bei uns wirst du dich geborgen fühlen und wahre Freunde finden.
Igor: Das wäre toll.
Mann: So soll es sein.
Ein bekannter Mann betrat den Raum.
Sergej: Sei unbesorgt junger Mann. Alles wird ab jetzt viel verständlicher für dich.
Die Szene endet nach einem Zeitraffer.
Ich aber wollte bleiben in dieser Szene. Igor interessierte mich, aber auch Sergej. Ich versuchte mit meiner Kraft ... Ich sah wieder etwas:
Mann: Diese ignoranten Kinder, zu geblendet von der Einsamkeit der Welt folgen sie einfach irgendeiner Gemeinschaft. Meinst du er versteht überhaupt unsere Ziele?
Sergej lacht etwas.
Sergej: Auch wenn nicht. Wo wäre das Problem? Wir freuen uns doch über jeden.
Die Szene wechselte über zu Igor, der nach Hause lief.
Igor: Jetzt wird alles wieder besser.
Man sah Igor eine Art Verzweiflung an. Er musste in seinem Leben wenig Freude kennengelernt haben, solange war er schon traurig. Er tat mir fast schon Leid. War es doch überhaupt nicht die Wahrheit, die er blicken konnte, sondern nur Lügen. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt schon ein schlimmes Ende vor mir sehen, war es doch so offensichtlich.
Igor, nicht lange vor seinem Tod.
Seine Ansichten schienen sich geändert zu haben. Er hatte eine ganze andere Aura, als ob er jemanden im Leben gefunden hätte, an den er sich wenden konnte. „Wie soll ich jetzt bloß wieder austreten?“ Ich spürte seine Gedanken direkt in mir. Ein Zittern im Kopf. Jetzt merkte ich erst, wo er sich befand. Direkt vor dem Vereinshaus der Sekte, wo ich auch schon war. Die reale Welt war wieder vor meinen Augen.
"Was ist passiert?“, fragte ich Katharina. „Du warst kurz abwesend“, antwortete sie. „Nein, wie genau ist er gestorben?“, meinte ich. „Wenn ich das doch wüsste. Mir wurde es nur erzählt von den Sektenmitgliedern. Sie hatten mich nach seinem Tod kontaktiert und der offizielle Bericht war Herzversagen.“ Ihre Antwort ließ mich nicht weiter zögern. Ich ging weiter in den Wald hinein, ließ mich von Intuition führen und von diesen kleinen Lichtern, die ich sehen konnte. Es schien so das meine Sicht der zweiten Ebene teilweise auch in der ersten möglich war. „Du entwickelst dich ... immer mehr“, flüsterte mir eine Stimme. Ich war nicht verängstigt, die ganze Geschichte herauszufinden. Es gab jetzt kein zurück mehr, obwohl ich ein kleines Zittern im Bauch hatte.
- Das zu verfolgen, was versteckt ist und den Moment einfangen -
Vögel, überall um mich herum tauchten sie auf. Es waren keine echten Vögel, ich sah nur ihre Gestalten in geisterhafter Form. Igors Geist erschien mir. Er sprach aber nicht mit mir. Eine weitere Szene spielte ab, gemischt mit dem wahrhaftigen Schauplatz. Es ging fünf, sechs, sieben, acht. Ich blieb ganz cool. Eine Menge Dinge passierten vor meinen Augen, wenn man es überhaupt so bezeichnen konnte. Die Vögel flogen alle rund um Igor herum. Sie zwitscherten und krähten völlig durcheinander, Blätter fielen von den Bäumen, die Umgebung verdunkelte sich. Dunkel konnte man dazu eigentlich nicht mehr sagen. Meine Sicht verlagerte sich nun völlig in die zweite Ebene. „Schwarz, sag schwarz dazu.“ Hinter Igor trat jemand hervor, ein kräftiger doch recht schlank gebauter Mann. Mir kam die Person etwas bekannt vor, sehr flüchtig. Sie redeten miteinander. Ich hörte aber nicht das Gespräch an sich, sondern nur die Lippen der beiden bewegten sich. Der fremde Mann ging wieder fort. Gleich nach dem Moment, wo der Mann sich umdrehte, fiel Igor um. Als ob ihn ein Windstoß umgeweht hätte, fiel er nach hinten auf den Boden. Das war alles.
"Unglaublich ... wie ist das denn passiert?!“, sagte ich zu Katharina. „Wie meinen?“, antwortete sie. Meine Frage schien wohl etwas aus dem Nichts, wenn man bedenkt dass sie nicht sah, was ich sah. „Dein Bruder ist einfach so umgefallen. Nachdem ein Mann mit ihm gesprochen hat. Merkwürdigerweise habe ich seine Vergangenheit nur visuell sehen können. Ich weiß nicht worüber sie geredet haben.“ Katharina schien etwas stutzig. „Hmm ... was hat das zu bedeuten?“, fragte sie mich nach ungefähr zehn Sekunden des Schweigens. „Tja, auch wenn ich jetzt den Todesort kenne ... ich habe nicht die wirkliche Nähe zu deinem Bruder, es scheint so ... es scheint so, als ob ich den Mörder deines Bruders ausfindig machen müsste beziehungsweise weitere Hintergründe klären müsste“, erklärte ich ihr. „Noch mehr? Ich habe dich doch schon einmal nach der Veranstaltung, wo der Geist meines Bruders am stärksten Kontakt zur ersten Ebene hatte, zu seinem Grab geführt“, erzählte sie mir daraufhin. „Das war sein Grab? Wie meinen?“, fragte ich natürlich daraufhin. „Wir haben ihn eingeäschert. Dieser Wald war der Ort, wo wir die Asche verteilt haben.“ Für mich war alles klar. Obwohl ich eigentlich relativ viel Kontakt mit Igor hatte, schien es noch nicht zu reichen. Ich müsste weiter forschen. Vielleicht wäre jetzt wieder der Zeitpunkt mit Lyn zu reden oder ... Mir kam eine andere Idee, genauso wie ich Lyn rufen konnte, konnte ich möglicherweise auch Igor um ein Gespräch bitten. Mit großer Konzentration versuchte ich es. Katharina stand geduldig neben mir, sie schien die Situation zu verstehen, mehr oder weniger. Langsam aber sicher kam eine gewisse Stimme in meinem Kopf auf. Igor sprach mit mir:
Igor: Du hast mich verstanden. Danke. Um mich wirklich befriedigen zu können, musst du aber herausfinden, wer dieser Mann war. Ich würde es dir gern sagen, aber irgendwie scheinen meine Gedanken davon gelöscht zu sein und auch die der vorherigen Tage sind sehr schwach. Es muss jemand von der Sekte gewesen sein, soviel ist mir aber klar. Am besten sprichst du auch mal mit meinem Freund Wang, Katharina kennt ihn bestimmt noch. Er und seine Schwester hatten noch die Tage davor mit mir Kontakt gehabt, vielleicht wissen sie etwas.
Arata: Danke Igor ... Ich werde mein bestes geben!
Ich war etwas angespannt. So tief musste ich noch nie in Angelegenheiten von Fremden hinein stoßen und dazu noch diese Sekte. Diese wurde mir verdammt unheimlich. Ich konnte nur daran denken was für ein Mensch Sergej war. Zuerst sah ich ihn als Penner, dann als Verrückten und dann als seriösen Führer einer kleinen Sektenabteilung. Es gab vielleicht Menschen auf der Welt! Nun gut, was hatte ich schon anderes geplant? Ich sagte Katharina, was ich von Igor erfahren hatte und sie schien etwas erleichtert aber auch belastet im selbem Moment. Ihr war wahrscheinlich klar, dass wir uns in Gefahr begeben müssten, unter Umständen jedenfalls. Sie meinte, den Kontakt zu Wang könnte sie herstellen, wenn sie Zuhause wäre und wir sollten für heute wieder getrennte Wege gehen, sie würde mich schon anrufen wenn es etwas Neues gäbe. Mehr oder weniger war ich natürlich froh, dass ich mich für heute wieder ausruhen konnte, auch wenn mich all diese Geschehnisse zutiefst beängstigten. Das Gespräch mit Lyn war für mich jetzt einfach nötig, aber zuerst musste ich Zuhause ankommen. Der Weg war steinig und sehr sehr schwer ... Ich meine asphaltig und sehr sehr eben. Es war unglaublich, meine Mutter stand in der Küche mit einem Lächeln, was eine Seltenheit. Sie hatte doch tatsächlich zu Abend gekocht. Zu Abend aßen wir eigentlich nie warm. Es gab Schinkennudeln. Gut es war kein aufwendiges Gericht, aber es schmeckte nach unglaublich viel Fett! Es bestand wahrscheinlich zu 60% aus Butter, Sahne und Käse. Was wohl mit meiner Mutter los war? Wir redeten nur relativ phatisch, belanglos. Ich konnte keinen offensichtlichen Grund ausmachen, vielleicht würde ich ihn aber auch später erfahren. Mein Bruder war immer noch nicht Zuhause. Wahrscheinlich freute sie sich darüber. „Haha Arata! Sehr witzig. Dein Bruder ist weg. Ein Grund zur Freude.“ In diesem Moment wollte ich natürlich wissen, wo er war, also fragte ich sie doch gleich mal: „Wo ist denn eigentlich Tommy?“ Sie antwortete nur: „Bei Freunden, warum? Seit wann sorgst du dich denn um ihn?“ Ich schaute sie nur doof an. Manche Fragen stellte sie wahrscheinlich nur, um mich zu ärgern oder weil ihr nichts besseres einfiel. Kommentarlos ging ich nach dem Essen rauf auf mein Zimmer. Mein Penis juckte schon wieder etwas. Ich hätte ihn besser waschen sollen. Mir kam dabei natürlich gleich die Idee, mich sexuell zu befriedigen. Die Gedanken gingen aber schnell weg angesichts der Uhrzeit. Es war erst 19:00 Uhr. Um diese Uhrzeit machte mir das noch keinen Spaß und wenn dann ging ich dafür in den Park um 3:00 Uhr nachts. Das hatte immer das gewisse etwas für mich. Wenn ich doch nur so ein Perverser wäre ... Ich vertrieb mir die restliche Nachtzeit am PC und war die ganze Zeit angespannt, vielleicht würde mich Katharina noch anrufen, diese Nacht. Es passierte den ganzen Abend lang nichts. Ich spielte noch etwas, guckte Filmchen im Internet und hörte Musik, das übliche halt. Wie immer fielen mir die Hausaufgaben für den nächsten Tag erst um 23:00 Uhr ein und ich machte sie, wie immer, auf den letzten Drücker. „Was für ein Tag mal wieder. Ich könnte mich ja fast schon öffentlich beschweren über mein hartes Leben, in den Medien, im Fernsehen, oder am besten schreibe ich einen Artikel darüber in der Zeitung.“ Ich ging zu Bett.
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