Kapitel 1 Kräfte


Kapitel 1
Kräfte
Es wurde ganz hell vor meinen Augen. Ich war verwirrt, es konnte doch nicht schon Morgen sein ...

Inmitten der göttlichen Ebene findet ein Gespräch statt.
Gott 1: Der neue 1000-Jährige scheint eine ganz andere Persönlichkeit zu haben, als der durchschnittliche Mensch.
Gott 2: Tja, es ist halt Zufall. der Kandidat wird von der Botin willkürlich ausgesucht, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob sie selbst doch große Kontrolle darüber hat.
Gott 1: Wer wohl diesmal gehen muss?
Ein Grinsen auf dem Gesicht des dritten Gottes tritt hervor.
Gott 3: Vielleicht endlich du?
Gott 4: Hmm ...
Gott 2: Es ist nicht abzuwenden. Obwohl unsere Existenz immer schwächer wird ... und wenn er nun auch noch Seelen befriedigt ...
Gott 1: Widerlich so etwas. Wir sollten bloß nicht den selben Fehler wie letztes Mal machen.
Gott 2: Vielleicht sollten wir intensiver eingreifen, als beim letzten Mal?
Gott 1: Was vor fünf Jahren geschah, startete auch mit solch einer merkwürdigen Persönlichkeit. Wir sollten wohl wirklich versuchen, etwas „einzugreifen“.
Gott 4: Tch … die Botin.
Die Götter blicken nach hinten.
Gott 1: Die Botin?
Gott 2: Das Auge … er weiß von uns.
Die Götter sind in einem Nebel verschwunden.

- Dialog der Götter -

Es wurde wieder dunkel vor meinen Augen. Am frühen Morgen wachte ich auf, es war relativ früh, eigentlich gar nicht meine Zeit, aber ich fühlte mich gut.
"Was hab' ich da im Traum gesehen?“, musste ich mich mit Erstaunen fragen. Es kam in mir hoch, das Gespräch von diesen merkwürdigen Gestalten. Sie hatten alle die Silhouetten von normalen Menschen, aber man konnte sie nicht ansehen, als ob ein großer Schatten umhüllend um ihnen lag. Ich hoffte, dass die Botin käme wie auch sonst immer. Sie kam nicht. Ich wartete in meinem Zimmer ungefähr zwei Minuten und ging dann zum Kühlschrank. Ich stillte meinen Hunger mit einem Joghurt. Ich war verwirrt, konnte kaum meine Gedanken sortieren. Immer wieder kamen die Gedanken um Elena, die Botin und diesen „Traum“ in meinem Kopf zum Vorschein. Es schien so, als ob ich wohl für eine lange Zeit nicht zum normalen Alltag zurückkehren konnte. Die schönen Tage waren vorbei.
Ich wollte mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Ein Glück war Samstag und ich musste mir keine Sorgen um meinen Bruder machen, der wohl noch schlief. „Ob er wohl mitbekommt, dass etwas anders ist?“, fragte ich mich. In diesem Moment trat sie in Erscheinung: die Frau mit ihren langen, schwarzen Haaren und dem weißen Kleid. Sie blickte mir mit ihrem ausdruckslosen Gesicht in die Augen. „Du musst noch viel lernen. Deine Fähigkeiten sind dir vielleicht noch nicht bewusst, aber sie sind bereit genutzt zu werden. Nutze sie!“, sagte sie mir mit ihrer sanften Stimme. „Kann ich sie auch nutzen um dich zu rufen?“, fragte ich. „Ja, wenn du genug Willen aufbringst, aber dein erstes Ziel sollte es sein, deine Kräfte für deine Bestimmung zu nutzen“, erwiderte sie ohne eine Sekunde vergehen zu lassen. Ich musste mich kurz hinsetzen und sammeln. In der Tat hatte ich etwas in meinem Körper gespürt, was sich verändert hatte. Die Botin war wieder verschwunden, was mich nicht überraschte. Ich stand auf und war entschlossen. Eigentlich dachte ich immer, Dinge die mich nichts angingen, wie die Geschichte eines kleinen Mädchens namens Elena, würden mich nie interessieren, aber scheinbar hatte ich mich verändert. Es fühlte sich an, als ob ich auf eine ganz andere Weise Empathie erlernt hätte ...
Ich war wieder am Brunnen, setzte mich neben ihm und dachte nach: „Wie kann ich Elena „befriedigen“?“ Ich versuchte ruhig und tief einzuatmen. „Etwas muss es doch geben, was mir einen Anhaltspunkt verschafft“, dachte ich mir. Ich schaute auf den Boden vor mir ...
Ich sah ... kleine, blau leuchtende Punkte. Ich stand rasch auf. Sie waren wieder weg. "Konzentriere dich, finde deine Kräfte und nutze sie“, flüsterte es mir. Ich grinste kurz und fing an mich zu konzentrieren. Weiter und weiter konzentrierte ich mich, schloss die Augen, obwohl es Tag war wurde meine Sicht immer dunkler. Ich riss die Augen wieder auf, als ob es ein Reflex wäre. So fühlte es sich an.
Meine Sicht war neu ... alles war dunkel, bis auf die blauen Punkte, die ich vorhin schon sah. Ich drehte mich um: eine rot leuchtende Silhouette, die sich bewegte. Es war ein Mensch. Ich drehte mich weiter um und schaute. Die Welt sah ganz anders aus. Für den Versuch die Botin zu rufen, dachte ich an sie. Eine weiße Erscheinung vor mir trat auf. Es war sie. Ein Dialog folgte:

Arata: Was ist das hier?
Die Botin: Nun, da du die dunkle Ebene sehen kannst. Solltest du auch meinen Namen hören können: „Lyn.“
Arata: Lyn ... kannst du mir trotzdem erzählen, was das hier ist?
Lyn: (Kurze Pause.) Natürlich, das hier ist die zweite Ebene, die dunkle Ebene. Es gibt drei Ebenen. Die erste kennt jeder Mensch. Sie ist das, was alle normale Lebewesen sehen. Die Zweite ist die, die du gerade entdeckt hast und nun ja die dritte hast du wohl letzte Nacht gesehen.
Arata: Dieser „Traum“ ... wer waren diese Leute?
Lyn: Die Götter, aber das ist jetzt unwichtig. Du solltest dich jetzt konzentrieren und versuchen dich in der neuen Ebene zurechtzufinden. Fokussiere deine Gedanken auf dein Ziel ...
Arata schaut in ihre Augen.
Lyn: Viel Erfolg ...
Sie verschwindet vor seinen Augen.

- Das Übernatürliche -

Wie ich es hasste, dass Lyn immer so verschwand, aber manche Dinge waren nun einmal so. Ich schaute die blauen Punkte an. Sie schwebten einfach so über den Boden. Ich ging näher zu ihnen, versuchte sie zu greifen. Ein blaues Licht erschien in meinem Blickwinkel. Mein Blick ging nach oben für mehr Überblick. Es schien, dass zwei Häuserreihen hinter dem Brunnen, es weitere blau leuchtende Punkte gab. Ich schloss meine Augen, versuchte an Licht zu denken ...
Es wurde wieder hell, ich war in der „normalen Ebene“. Es kribbelte in meinem Bauch. „Was war das gerade ... unglaublich“, dachte ich mir. Ich fühlte mich unbeschreiblich. Ich wusste, ich hatte Fähigkeiten, die kaum jemand anders besaß. Ich lächelte und machte mich auf den Weg zu dem Haus mit den blauen Lichtern. Schritt für Schritt spürte ich eine gewisse Atmosphäre, obwohl mir die Straße bekannt war, schien mich etwas zu beeinflussen. Ich spürte... die Schwere, dann bemerkte ich es. Ich lief an dem Haus vorbei, wo Alexa gelebt hatte, gestorben war. Ich hielt kurz an. Die genauen Todesumstände hatte ich nie in Erfahrung bringen können und genau deswegen hatte ich auch eine gewisse Neugier. Ich erinnerte mich zurück an den Anblick ihrer Leiche, sie sah nicht verbrannt aus, eher ihrer Lebenskraft entzogen. „Ich hätte vielleicht den Fernseher anschalten sollen... oder vielleicht im Internet nachgucken“, dachte ich mir. Ich lief weiter. Es kam mir merkwürdig vor, dass die Straße so sauber schien nach den ganzen Blitzeinschlägen. Ich wusste, ich musste mich später darüber informieren, wie das sein konnte. Ich lief weiter in die Nebenstraße, wo mein Ziel lag.
Ich stand endlich vor dem Gebäude. Es sah etwas anders aus, als in meiner Sicht der dunklen Ebene. Es war heruntergekommen und alt, vielleicht hatte es hier gebrannt. Man konnte keine Bewohner sehen, ich schaute auf die restlichen Häuser der Straße. Sie sahen alle normal aus. „Eins, zwei drei“ und ich sah wieder die dunkle Ebene. Es waren Lichter im Garten des Hauses, noch mehr im Inneren als außerhalb, besonders viele im ersten Stock, linkes Zimmer. „Vier, fünf, sechs“, ich sah wieder normal. Es strengte mich etwas an, in der dunklen Ebene zu sehen. Es fühlte sich wie leichte Kopfschmerzen an. Ich ging an der Seite des Hauses entlang über einen kleinen Zaun. „Manche schießen, um zu töten, ich aus Befähigung“, sagte eine Stimme von der Seite aus der Wand heraus ... Ich hielt an, war verblüfft. „Wo kam diese Stimme her?“ Ich konnte es mir nicht erklären. Es war nicht die Stimme der Botin, diese war anders, zwar auch weiblich aber viel rauer. Mein Herz klopfte, ich hatte Angst. Mir wurde bewusst, dass es wohl auch Gefahren mit sich brachte, der sogenannte 1000-jährige zu sein. Ich stand hinter dem Zaun und musste mich kurz sammeln. Nur mit langsamen Schritten kam ich weiter voran. Meine Atmung wurde plötzlich schwerer. Was geschah? Ich versuchte mich an der Hauswand zu stützen. Es half nichts. Ich fiel wieder auf meine Knie, wie es schon einmal geschah. „Jetzt beginnt alles ...“, hörte ich als letzte Worte bevor mich die Schwere komplett traf, stärker als je zuvor.

- Das ist, war mein Leben -

Elena erzählte mir aus ihrem Leben:

Es war als ich 12 war. Ich traf mich oft mit Freunden. Eine ganz besondere lebte hier. Ihr Name war Erika. Es war ein klarer blauer Himmel an diesem Tag. Ich war an genau der selben Stelle, an der dein Körper jetzt verweilt. Nur mit dem Unterschied, dass das Haus hier noch so aussah wie die anderen. Meine Eltern waren genau wie deine, keine Gottesanbeter, so wie die meisten halt. Darum konnte ich mir die Dinge zunächst auch nicht erklären. Es war ein göttliches Ereignis, solch eines wie vor zwei Tagen. Ich bin nun zwei Monate in dieser Ebene. Es ist die zweite Ebene. Du scheinst noch nicht stark genug zu sein, Geister in dieser Ebene zu sehen, sondern nur ihre stärksten Lebenskräfte aus ihren ehemaligen Leben. Woher ich das alles weiß, fragst du dich bestimmt. Ich war schon immer intelligent für mein Alter, aber das ist es nicht. Normalerweise befinden sich Geister in der dritten Ebene, wo sie von den Göttern absorbiert werden. Die Götter brauchen diese Kraft der Geister, wenn sie nicht genug Opfer kriegen, wie es nun seit einigen Jahren so ist. Ich habe aber eine Art Geschäft gemacht mit dem dritten Gott, er lässt mich als Geist hier in der zweiten Ebene und im Gegenzug opferte ich ihn alles, was ich besaß. Ich dachte, ich könnte in dieser Form glücklicher sein... nachdem ich meine beste Freundin verloren hatte. Es ... and ... ere ...
Die Verbindung zu Elena brach plötzlich ab. Die Schwere fiel von Arata.

"Das Spiel ist Schmerz“, sagte mir die Stimme, die ich vorhin schon hörte. Sie hängte noch ein merkwürdiges Lachen an ihren Satz, dabei etwas psychopathisch klingend. Wieder in meinem Bewusstsein fühlte ich mich komisch. Warum war die Verbindung zu Elena plötzlich weg gewesen? Ich wusste es nicht. Der Entschluss zu dem Zimmer zu gehen, wo Elenas Lebenskraft am stärksten verweilte, stand für mich fest.
Ich erinnerte mich zurück an die Zeit in der Grundschule. Ich war einer der Letzten, die noch zum „Gottesunterricht“ mussten, einem Fach, welches schon lange obsolet war in vielen Teilen des Landes. „Das Prinzip der Lebenskraft: Jedes Objekt besitzt welche. Sie wird beim Opfern direkt in die dritte Ebene geschickt, damit die Götter diese zu sich nehmen können, aber falls durch besondere Umstände, eine Opfergabe nicht angenommen wurde, bleibt sie in der zweiten, bis sich ein Gott entscheidet sie anzunehmen“, so wurde es mir damals beigebracht. An diesem Tag hatte ich wohl extrem viel Adrenalin ausgeschüttet, so aufregend war alles gewesen. Ich lief weiter in den Garten hinter dem Haus, schaute nach oben und überlegte, wie ich in das Zimmer kommen könnte. „Versuchen die alte Tür mit Gewalt zu öffnen, wäre vielleicht zu laut. Ich könnte natürlich versuchen hochzuklettern, über diesen kleinen Baum, ein Sprung an das Fenster und dann durch das Loch der kaputten Glasscheibe fassen, welches nah am Griff der Innenseite ist“, dachte ich mir. Ich wusste, es war ein verrückter Plan, aber dank meiner eher kleinen Hände für einen Jungen, könnte ich es schaffen. Ich kletterte von einem Ast auf den nächsten bis ich an den Ast, der am nächsten zum Fenster war, gelangte. Ich balancierte dort mit meinem Beinen für eine kurze Zeit und bereitete mich somit auf den Sprung vor. Ich sprang. Es fühlte sich einfach an, obwohl ich nie gut in Sport war, fühlte ich mich zu dieser Zeit extrem sportlich. Ein Erfolgserlebnis für mich. Ich war an dem Fenster und stand mit meinen Zehenspitzen auf einem kleinen Vorsprung. Es war unerträglich und ich konnte nicht sehen wo genau der Griff war, weil ich zu groß und mein Kopf über dem Fenster war. Nach kurzem Tasten fand ich ihn und öffnete das Fenster. Ich kletterte hinein. Das Zimmer stank zum Glück nicht und es war auch nicht stickig, aber es gab trotzdem etwas, was mich bedrückte … Die ganze Atmosphäre war unheimlich. „Als ob hier ein Geist hausen würde“, dachte ich sofort. Ich hoffte, etwas würde passieren, sobald ich im Zimmer war, aber es passierte nichts, also fing ich an mich umzusehen. Es lagen Spielsachen auf dem Boden, links von mir in der Ecke ein Schachset, rechts von mir ein paar Plüschtiere. „Oh ja, Schach hab ich früher auch gern gespielt und dieser Teddy sieht verdammt süß aus“, sagte ich leise zu mir selbst. Ich nutzte den nächsten Moment, um in die andere Ebene zu sehen. Die Spielsachen waren blau. Es war etwas in einem Schrank hinter mir, was lila leuchtete. Ich öffnete ihn ohne die Ebene zu wechseln ... Ich wusste nicht, was ich tat, als auf einmal vor meinen Augen eine Art Geist in Erscheinung trat. Dieser Geist war nicht Elena, es war ein festgekettetes Mädchen in diesem Schrank. Sie schien kraftlos, ihr Körper war zusammengesackt. Sie richtete ihren Kopf auf und schaute mich an mit einem durchdringenden Blick, der mitleiderregend und verzweifelt zugleich war. „Be … freie mich“, sagte sie leise. Ich wusste, ich musste ganz cool an die Sache herangehen. Ein angeketteter Geist, lila leuchtend, minderjährig und der wollte, dass ich ihn befreie. Da sollte man nicht auf falsche Gedanken kommen. Das Offensichtlichere war aber nun einmal, dass ich sie mithilfe der Spielzeuge befreien müsste. Nur ich wusste noch nicht wie. „Wenn mir Elena doch bloß helfen könnte ...“, und im selben Moment konnte ich sie wieder sehen. Der Dialog setzte sich fort:

Arata: Was ist passiert?
Elena: Ich war nicht mehr anwesend ... nicht mehr bei Bewusstsein, obwohl das als Geist gar nicht geht ... Es ist merkwürdig, ich glaube es ist das Werk der Götter.
Arata: Hmm, ich hatte vorher eine merkwürdige Stimme gehört, bevor du mit mir gesprochen hast.
Elena: Hörte sie sich an wie ein psychopathisches Mädchen was ungefähr fünfzehn Jahre alt ist?
Arata: Genau.
Elena: (Kurze Pause.) Dann war es vielleicht Erikas ältere Schwester. Aber sie sollte schon lange in der dritten Ebene sein. Vielleicht sogar schon längst verzehrt.
Arata: Wer ist dieses Mädchen im Schrank?
Elena guckte in den Schrank.
Elena: Es ist schon so lange her ... Erika ...
Elena ging zu dem Schrank und schaute sie an.
Erika: Ele … na.
Elena: Warte noch ein wenig länger. Er wird dich bald befreien ... Arata, du musst die Lebenskräfte in diesem Raum nutzen, um sie zu befreien.
Arata: Wie? Und warum ist sie überhaupt hier gefangen?
Elena: Keine Zeit für Erklärungen … Versuch die Kräfte zu bewegen, Richtung Schrank, damit Erika sie nutzen kann, um sich zu befreien. Es sind immerhin zum größten Teil ihre Lebenskräfte, also kann sie damit am meisten bewirken.
Aratas zynisch-sarkastische Ader tritt zum Vorschein. Sein Tonfall ändert sich.
Arata: Toll, Lebenskraftmanipulation in der zweiten Ebene, oder was? Na gut, ich versuch' es.

- Die Manipulation von Leben -

Obwohl ich mich etwas überfordert fühlte von all diesen neuen Fähigkeiten und Konzepten, versuchte ich es. Im Nachhinein wusste ich, es war alles Schicksal gewesen. Mit einer gewissen Naivität ging ich an diese Sache heran und versuchte die Kräfte zu steuern. Ohne jegliche Anleitung von irgendwoher fokussierte ich nicht die blauen Punkte selbst, sondern die Gegenstände, ich machte mir ein Bild im Kopf – zuerst vom Schachset. Als ob es ein natürlicher Prozess wäre, konnte ich fühlen wie die Lebenskraft Teil von mir wurde. Es entstand ein gelb glitzernder Faden hinführend zu den blauen Punkten. Er war an mir gebunden. Ich fühlte in mir, wie dieses Schachset benutzt worden war, fühlte wie ich einzelne Erinnerungen abrufen konnte. Dachte ich nur kurz an Erika, so erschienen alte Spiele von ihr in meiner Vorstellung, die sie mit diesem Set spielte. Ich lenkte die Lebenskraft, als ob sie ein neuer Teil meines Körper wäre, in Richtung Erika. Schon bevor sie ganz bei ihr war, absorbierte sie diese. Die Partikel verteilten sich gleichmäßig auf ihren Körper und ihre Farbe wurde heller. Ich tat dasselbe mit den Plüschtieren. Ich spürte die fröhlichen Stunden, die mit ihnen verbracht worden sind. Sie waren aber viel herzlicher als die, die ich beim vorherigen Gegenstand spürte. Meine Augen wurden etwas feucht. Ich fokussierte meine Kraft darauf, sie zu Erika zu lenken. Es passierte alles sehr schnell und sie wurde hell, so hell wie Elena, gerade zu weiß. Die Ketten sprangen auf, und sie schwebte geisterhaft in der Luft. Ein Tor öffnete sich vor ihr, direkt vor ihrem Herzen. Es strahlte ein geradezu blendendes Licht aus. Ich streckte meine Hand gen Tor und hörte: „Warte ..., das ist nicht deine Aufgabe!“ Es war Elena, die es mit erhobener Stimme sagte. Ich wich zurück und Elena näherte sich dem Tor. Aus ihrem Körper traten viele Lebenskraftlichter. Sie flogen in das Tor und Erika löste sich so langsam auf. „Danke ...“, flüsterte Erika und lächelte. Im selben Moment, wo sich das Tor Erikas langsam schloss und ihre Gestalt sich auflöste, öffnete sich ein Tor vor Elena. „Es scheint, als hättest du mich „befriedigt.“ Sie drehte sich um und lächelte ein wenig. Ihr Gesicht schien weinen zu wollen, aber ich war mir nicht sicher, ob Geister überhaupt weinen konnten. Ich war wie versteinert von den Geschehnissen und dem Anblick Elenas vor mir. „Nun mach, und befriedige mich“, meinte sie mit etwas höherer Stimmlage. Meine Hände vorsichtig nach vorne streckend, begann es. Je näher sie dem Tor kamen, desto mehr fühlte ich dieses unbeschreibliche Gefühl. Es war, als ob man die Seele eines Menschen direkt in sich hätte. Es war ähnlich zu meiner Konfrontationen in der Schwere mit ihr gewesen. Der Prozess schien so unglaublich langsam voranzuschreiten, obwohl, und wohl auch gerade deswegen, die Zeit kaum verging. Ich war erstaunt, wie viel Emotionen ich von Elena in kurzer Zeit aufnehmen konnte. Die Erfahrungen aus ihrem Leben gingen in mir über. Elena war fast vollständig aufgelöst und ihre letzten Worte waren: „Gut gemacht, du gewinnst.“

Was ist ein Sieg? –

Ich spürte wieder mit meinen normalen Sinnen, als ich plötzlich Geräusche hörte. Die Treppen quietschten, es lief jemand nach oben. Ich geriet etwas in Panik und hatte einen Art Tunnelblick Richtung Fenster. Ohne viel nachzudenken ging ich durch das Fenster, zuerst in die Position, wo ich mich an den Vorsprung am Fenster halten konnte und sprang dann das kleine Stück hinunter auf den Erdboden. Meine Füße taten etwas weh. Der Schmerz ging aber relativ schnell wieder weg. Ich machte mich so schnell wie möglich auf zu dem Zaun und hoffte, niemand hatte mich gesehen. Gerade wollte ich über den Zaun steigen, da hörte ich eine bekannte Stimme, eine verrückte. „Willst du mich einfach so verlassen?“, sagte sie mir. Ich wechselte in die zweite Ebene, wie von alleine. Vor mir stand ein Geist, ein Mädchen, welches so aussah wie Erika. „Bist du Erikas Schwester?“, fragte ich sie. „Natürlich, bin ICH das“, erwiderte sie mit einem angehängten Lachen. In ihrer Hand materialisierte sich eine Pistole. Sie richtete sie auf mich. „Stirb!“, sagte sie und schoss. Eine Kugel flog in meine Richtung, ich konnte sie aber mit relativ normaler Geschwindigkeit sehen. Wie aus einem Reflex heraus, formte ich einen gelben Faden und band ihn an die Kugel. Eine unglaubliche Traurigkeit erfüllte mich, ich konnte die Kugel umlenken, weg von mir. In der Zeit des Umlenkens spürte ich Gefühle der Traurigkeit und sah Bruchstückhaft den Brand eines Hauses. Ich richtete wieder meinen Blick nach vorne. Als ob sie den nächsten Schuss aufladen würde, sammelten sich Lebenskräfte an dem Lauf der Pistole. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich versuchte die Ebene zu verlassen. „Nutzlos, nicht während ich hier bin“, meinte sie. In der Tat: Es funktionierte nicht. Es wirkte so, als ob sie mir die Konzentration rauben würde, um in die andere Ebene zu wechseln. Die Lebenskräfte hörten auf sich an der Pistole zu sammeln. Sie lächelte.

- Hass und Vergeltung -

Lyn erschien direkt vor Erikas Schwester.
Lyn: Es ist gut. Du brauchst nicht mehr Leiden, Lena.
Lena wird von Lyn umarmt und die Pistole verschwindet.
Lena: (Kurze Pause.) Es tut mir leid ...
Lyn: Du kannst dafür nichts, rein gar nichts.
Lyn küsst Lena.
Lyn: Möge dein Geist in Frieden ruhen.
Lena: Danke ...
Langsam löst sich der Geist Lenas auf. Arata tritt einen Schritt vor und Lyn dreht sich zu ihm um.
Arata: Was ist gerade geschehen?
Lyn: Es scheint so, als ob die Götter ihre Hände im Spiel hätten. Das sollte eigentlich nicht sein. Das gerade war der Geist von Erikas Schwester. Er sollte eigentlich schon in der dritten Ebene sein, aber jemand hat ihn wohl wieder zurückgeholt. Geister, die zulange in der göttlichen Ebene verweilen ohne verzehrt zu werden, können verrückt werden.
Arata: (Kurze Pause.) Die Götter? Sie haben ein Geist zurückgeholt um mich anzugreifen?
Lyn: Ich weiß es nicht. Vielleicht wollen sie dich töten ...
Arata: Töten? Geht das überhaupt ...
Lyn: Götter verfügen zwar über keine Kräfte, um dich in der ersten Ebene physisch anzugreifen, aber wenn du in der zweiten Ebene „stirbst“, ist es so, als ob du dein Verstand verlörest. Dein Körper in der ersten Ebene wäre dann einfach leer.
Arata kann keine Worte finden.
Lyn: Fürchte dich nicht zu viel. Ich bin da, um dich zu beschützen, wenn ich kann.
Arata: Wenn du kannst? Was meinst du damit?
Lyn: Nun, ich bin ein Wesen der göttlichen Ebene, aber genaues erkläre ich dir später ... Du solltest jetzt lieber gehen oder du wirst in deiner Ebene „entdeckt“.
Lyn verschwindet in das Nichts.
Arata: Entdeckt?

Ich war wieder in meiner Ebene bei Bewusstsein. Die Person im Haus, es fiel mir wieder ein. Bevor mich jemand entdeckte oder diese Person rausschaute, sollte ich weg sein. Meine Lust darauf, dass mich noch jemand anzeigte oder allgemein ausfragte, was ich hier machen würde, war sehr gering. Ich begab mich auf dem Weg nach Hause und hoffte, dass die vorangegangen Aktionen kein Aufsehen erregt haben.

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