Kapitel 5 Sommerregen

Kapitel 5
Sommerregen

Was ein Morgenritual! Ließ ich doch den Wecker vier Mal wiederholt klingeln, also jede fünfte Minute, bevor ich aufstand. Danach hatte ich es natürlich mal wieder ganz eilig zur Schule zu kommen. Davor jedoch schaute ich noch schnell auf mein Mobiltelefon, aber nichts Neues war zu sehen. Es würde wahrscheinlich wie immer ein langweiliger Schultag werden, aber zum Glück war es auch nicht Prüfungszeit, oder es gab gar Referate zu halten, von daher war ich gelassen eingestellt. Ich erinnerte mich schon wieder, wie ich das allmählich satt hatte. Alle Dinge kamen immer erst später in mein Gedächtnis. Es fühlte sich so an, als ob jemand mit mir spielen würde. „Halt die Fresse, ich bring dich um!“ Ein unnötig aggressiver Satz fügte sich in meinem Kopf zusammen. Manchmal war es doch einfach schön. Bis wir es schafften, das unendliche Glück zu finden, vergingen wohl noch einige Tage. Ich nahm es gelassen, es war ja nicht so wichtig. Es war nichts wichtig, nicht einmal das Wichtige. Alle waren am sterben. Ausspannen – das müsste ich mal, weil es gab eigentlich nichts, was ich musste. Einfach mal befreien von dem Pflichtgefühl. Wegen meines Gefühls der Pflicht wurde ich oft an Dinge gebunden, aber ich wollte diese jetzt verlassen. Der Zufall wollte es wohl auch so, bestärkte er meine Entscheidung. Ich erhielt einen Anruf und akzeptierte damit mein weiteres Schicksal. Mir wurde mitgeteilt, dass ein Treffen mit dem Freund Igors organisiert wurde. Es schien mal wieder so, als ob sich alles im Leben irgendwie regelte.

Gefällt es mir doch, wenn du nackt um mich herum läufst.“ Meine Gedanken waren voller Perversitäten und nur ich fand sie toll. Niemand brauchte es, aber alle fanden es toll. Mit dir wurde es mir nie langweilig, meine schöne Fantasie. Waren wir doch nun alle versammelt auf dem großen Berg am Rande der Stadt. „Warum treffen wir uns nochmal gerade hier?“, war meine Frage. Mir schien sie durchaus berechtigt. Es war ja kein Film, in welchem man zufällige Schauorte einsetzte, um eine schöne Szenerie darzustellen. Die Realität der Zerstörung belastete unsere Köpfe. Mir wurde eine Flasche Alkohol von Wang angeboten. „Oahr, sacré bleu, wie das zieht!“ Eigentlich macht mir hochprozentiger Alkohol nicht viel aus, aber dieser war echt nett. Ich versuchte in dieser ekligen Gegenwart meine Fassung zu halten und meine Gesichtsmuskeln entspannen zu lassen. Auch wenn ich nicht wusste, wer sie waren, lächelte ich, weil wir so krank waren.

- Dem Selbstwertgefühl zuhören, die Würde wegwerfen -

Es war ein Gespräch voller Tiefen und Höhen. Vielleicht hätte ich etwas anders reagieren sollen. Aber so war es nun einmal nicht. Man folge doch einfach der Melodie, dem Rhythmus, dem Takt, wenn es sich nur gut anhört. Man ist mitten im Fluss, genau in der Vorstellung, drinnen im Verderben. So hörte es sich doch alles gleich an und endete immer mit dem Selben, dem Ungewissen.

Wang: Sei gegrüßt. Zeit ist mal wieder für immer.
Streckt die Hand aus.
Arata: So etwas von.
Schüttelt ihm die Hand.
Wang: Ich hab schon alles gehört. Die Situation ist wirklich ... scheiße. Igor war so ein netter Typ, war echt schade um ihn. Wegen dieser Sache fühle ich immer noch etwas Trauer in mir.
Arata: Nun, ich habe ihn zwar nie gekannt, aber so viele Träume über ihn gehabt, wenn man das so nennen darf.
Wang: Nenn’ es, wie du willst. Zündet sich eine Zigarette an. Diese ganze Scheiße geht mir gewaltig auf den Sack. Diese ganze Sektengeschichte. Können wir nicht wie immer leben?
Arata: Hast du mal von den ganzen Götterkram gehört oder gelesen?
Wang: Oh ja, leider. Es ist doch so: Wenn die wirklich existieren, müssten wir den Sekten eigentlich danken ... aber eigentlich auch egal. Die Sache sollten wir erst einmal erforschen, bevor wir darüber nachdenken. Wie Katharina schon vermutete, hängt ja sogar der Staat mit drin oder besser gesagt Leute in den hohen Rängen der Politik.
Arata: Tja, mal sehen. Kommen wir doch lieber zu den jetzt relevanten Sachen.
Wang: Du hast Recht.
Katharina: Gott, Wang. Jetzt erzähl ihn doch einfach, was du weißt.
Wang: Jetzt hetz' nicht so. Nimmt einen Zug von seiner Zigarette. Es ist ja nicht so, als ob ein paar Sekunden nun die Welt untergehen ließen. Wang macht eine kurze Atempause. Vielleicht diese Zigarette, aber nicht die Sekunden.
Arata: Verrückte, alles Verrückte.
Wang: Genau das denke ich auch. Also, ich erzähl dir jetzt mal das Wichtige: Ich hab' auch kurz reingeschnuppert, als Mitglied der Sekte um genau zu sein. Der Mann, der Igor umgebracht hat, mehr oder weniger, nach deiner Beschreibung zufolge, muss einen höheren Rang belegen. Es ist nun einmal so. Nur die höheren Ränge haben Einsicht in die Magie, wie ich es nenne. Sie nennen es göttliche Kräfte, von den Göttern verliehen halt. Innerhalb dieser Region gibt es nur zwei, die einen so hohen Rang belegen. Sergej wirst du wohl kennen. Der andere, na ja, ich habe ihn auch nur einmal gesehen und es scheint so, als ob er nicht viel Reden hält. Er sah mir halt eher wie so ein Handlanger aus. Macht was er soll.
Arata: Und wie kann ich mit dem in Kontakt treten?
Wang: Gar nicht. Also rein theoretisch, meine ich. Ich habe mir einen Plan überlegt. Da ich ein ehemaliges Mitglied bin, kann ich sie schön provozieren.
Arata: Wie konntest du eigentlich austreten?
Wang: Schöne Unterbrechung. An sich bin ich nie offiziell ausgetreten, aber pssht das ist auch nicht so wichtig. Ich habe halt einen Deal, dass ich mich so gut wie kaum blicken lassen muss. Nur einmal im Monat.
Arata: Interessant, was passiert denn wenn man raus will?
Wang: Ich will es nicht wissen. Ich vermute Magie, oder vielleicht auch altmodischere Methoden werden angewandt. Oh Gott, jetzt gibt mir doch mal den Alkohol!
Katharina reicht die Flasche.
Wang: Wird auch Zeit.
Arata: Warum trinken wir hier eigentlich?
Wang: Weil man nicht ohne Alkohol kann und außerdem sagt ein altes Sprichwort: Alkohol hilft einem ein Mann zu werden!
Wang trinkt aus der Flasche.
Arata: Du Verrückter. Erzähl mir lieber von deinem Plan.

Und so erzählte er und erzählte und erzählte. Zeit ist doch für ewig. Lustigerweise wurde er ziemlich schnell betrunken, während er sprach. Die Welt kündigt halt doch manchmal sein Ende an. Umso betrunkener er wurde, desto unsinniger wurde er, aber man verstand ihn trotzdem. Den Plan galt es nun in die Tat umzusetzen. Die manische Violine spielte wie eine Geige, mitten in der Dunkelheit.

Wir trafen uns also am nächsten Tag, alle gemeinsam, um den Plan in die Tat umzusetzen. Es war doch verrückt. All diese Dinge, die ich dafür gestern noch unternehmen musste. Das fühlte sich immer wie eine Rückblende an, wenn man an so etwas dachte. „Seid ihr alle bereit?“, war die letzte Frage zur Bereitschaft. Die Zeit war nun endlich gekommen, für meine neue Kraft. Hätte mich Wang damals nicht aufgeklärt, was wäre dann gewesen? Ich hätte Lyn wohl nie gefragt. Diese Aufregung, schon wieder, ich musste mich konzentrieren. Ich war vor einem kleinen Schrein angelangt. Genauer gesagt vor der Rückseite hatte ich mich auf einen kleinem Hügel auf die Lauer gelegt. Man konnte in den Schrein hineingucken, denn er bestand nur aus fünf Säulen, der Rest war frei einsehbar. Katharina wartete in der Nähe unter einer kleinen Brücke, zehn Meter vom Schrein entfernt. Dieser Plan sah so bescheuert aus. Eigentlich wusste ich nicht genau, warum Katharina überhaupt mitgekommen war. Ich schätzte mal, damit man sie später als Geißel nimmt und eine dramatische Szene für den Protagonisten bereithatte. Die Szenerie füllte sich so langsam. Wang betrat den Schrein. Alles nahm seinen Lauf: Ich bekam die Nachricht auf mein Mobiltelefon. Meine neue Fähigkeit sollte jetzt genutzt werden. Die Ansicht war halb in der zweiten Ebene, halb in der Ersten. Ich sah durchsichtig, durch die Häuser zwei Auren ankommen. Die Silhouetten kamen mir bekannt vor. Es waren auch ihre natürlichen Auren, die mein Herz klopfen ließen. Fing es auf diesem Hügel doch an. Sie näherten sich immer weiter dem Treffpunkt. Wang stand schon mittendrin, ganz lässig. Er tat so, als ob er sie nicht bemerken würde. Ihre Gesichter waren nun auch zu sehen. Für eine langsam wirkende Sekunde war ich erstarrt. Es war Sergej und ein anderer, etwas größerer und furchteinflößend wirkender Mann. Ich kroch etwas nach hinten, so dass ich nicht im Blickfeld war. Ab jetzt vertraute ich nur noch meinem Blick in die zweite Ebene. Näher und näher kamen sie. Das war auch gut so. Umso näher sie kamen, desto besser konnte ich meine Fähigkeit anwenden. Erst gestern hatte mir Lyn davon unterrichtet:

Lyn: Du fragst mich, ob du auch die Erinnerungen anderer, außer den auserwählten Seelen lesen kannst?
Arata: Genau das.
Lyn: Du bist auch einer der wenigen, die darauf kamen. Natürlich geht das, du musst bloß in die zweite Ebene sehen und genau analysieren was ihre Aura betrifft. Wenn du deine Gefühlswelt ihrer abstimmst, kannst du es schaffen etwas von ihnen zu sehen, wahrscheinlich aber nur bis zu einem gewissen Grad, wenn du die Personen nicht mal persönlich kennst. Oder willst du damit Bekannte ausspionieren?
Lyn lächelt.
Arata: Kannst du mir dabei nicht etwas helfen? Vielleicht eine kleine Starthilfe?
Lyn: Hmm, eigentlich ... normalerweise ist das nicht meine Aufgabe, aber was ich so beobachtet habe in letzter Zeit ... Es könnte dir wirklich von Hilfe sein.

Ohne ihre kleine Einführung wäre es wohl ziemlich schwer gewesen. Ich hatte direkt anhand ihrer Lebenskräfte geübt, alte Erinnerungen zu lesen. Was ich damals gesehen habe, ist für mich immer noch fragwürdig. Ob die Dinge wahr waren, die ich bei ihr gesehen habe, wusste ich nicht.

"Siehst du diese Kräfte?“, fragte sie mich. „Ich habe sie gerade von mir freigelassen. Sie sollten für dich eine gute Übung darstellen. Normalerweise siehst du solche Kräfte nur bei begabten Leuten, die Gotteskräfte nutzen können oder bei Toten, da bei ihnen die Kraft vom Inneren schon ausgetreten ist“, erklärte sie mir. Sie starrte in meine Augen, tauchte hinter mir an meiner Seite auf. Als ob sie mich führen wollte, zeigte sie auf die Kräfte, die noch am selben Ort verblieben waren, wo sie gerade stand. Eine Wärme fing an in mir zu fließen. Es war die Wärme Lyns. Als ob sie mir ein Teil ihrer Kraft lieh. „Nun konzentriere dich auf das Innere. Versuche es nicht zu manipulieren, also nicht zu bewegen. Lies es.“ Ich versuchte und versuchte es. Mir kam wieder auf, dass ich doch die Gefühle anpassen müsste. „Mach dir keine Sorgen, lies es einfach, konzentriere dich nicht darauf von wem es ist, siehe die innere Emotion.“ Lyn schien wirklich meine Gedanken lesen zu können, aber das ist ja auch kein Wunder. Sie konnte wohl so einiges, von dem ich nichts wusste. Wie wenn man in eine Kerze schaute, und sich immer mehr auf das rote in der Flamme konzentrierte, was nicht da zu sein scheint, genau so fühlte es sich an. Allmählich kamen Dinge vor meinen Auge zur Erscheinung, oder in meinen Kopf, wie man es auch nennen mochte. Die Erinnerungen waren schwammig zu sehen. Sie kristallisierten sich immer mehr. Eine Angelegenheit von Millisekunden, gefühlt jedenfalls, war es, in der ich es wahrnehmen konnte. Nicht allzu konkret durfte ich anschauen, was dort vor mir erschien, sondern musste im selbem Moment die Emotion halten. Es war das Balancieren zwischen machen lassen und machen. Eine schwierige Aufgabe zum Anfang, war man doch der Versuchung nahe sich detailliert die Erinnerung anzugucken, vielleicht auf seine Art zu manipulieren und zu „durchwühlen“. „So weit kann niemand hinein sehen. Alles Weitere können einen nur lebende Personen erzählen. Die Kräfte sind nur Fragmente, zwar ist alles vorhanden. Aber man kann sie nicht wieder reparieren, dazu fehlt der Körper“, erzählte mir Lyn. Die Übung war damit beendet. Danach war ich etwas erschöpft und benebelt. „Dabei dachte ich, die zweite Ebene wäre nun nicht mehr so schlimm, aber wenn man dann noch so etwas macht ...“ Als nächstes hörte ich, wie Wang Katharina Geld gab. „Und ... eins ... ja. Da ist der zweite ... hihi.“ Er war etwas betrunken. „Gott, Wang, gib mir die Geldbörse, ich zähl selber, warum konntest du den Alkohol eigentlich nicht selber kaufen?!“

Wen ich dort sah, war doch eigentlich keine Überraschung. Irgendwann musste es halt zu diesem Punkt kommen. Es trafen sich Sergej und das Gefühl konnte mich wohl schwer täuschen: Der Mann, den Igor kurz vor seinem Tod traf. Eigentlich perfekt, wäre da nicht die meine Angst, aber ich war mir sicher, Wang fühlte sich nicht gerade wohler als ich. Ich bekam überhaupt nicht mit, worüber sie redeten, so vertieft war ich schon in der zweiten Ebene und auch meine Gedanken. Ich schaute mir nur die Erinnerungen des Unbekannten an. „Konzentriere dich auf deine Aufgabe.“ An diese Worte glauben, das sollte ich. Mehrere Lichter sah ich neben ihnen. Sogar Wang hatte ein paar. Vielleicht hätte ich ihn mehr ausfragen sollen, wie weit er in der Organisation drin war oder beziehungsweise noch ist. Ich war mir nicht sicher, ob ich einfach alle durchgucken sollte und wusste auch nicht, welche Kraft überhaupt wichtige Informationen enthielt. „Konzentriere dich einfach auf Emotionen. Die am nächsten kommen zu deren, die du damals bei Igor gefühlt hast“, kam ein Flüstern zu mir. Wenn ich meinen guten Engel nicht hätte, was wäre dann? An sich für normale Leute wohl ein Unvorstellbares: Sich an Emotionen noch genaustens erinnern zu können. Aber seitdem sich mein Leben veränderte, ich sie getroffen hatte, konnte ich so einiges. Diese Dinge kamen zwar nur langsam in mein Bewusstsein, aber stetig wachsend und offensichtlicher, konnte auch ich sie nicht länger übersehen. Was ein schönes Leben. So ging ich weiter über in die Erinnerung und fühlte mich dabei so mächtig. Ein Kribbeln in meinem Bauch war leicht fühlbar. „Wirst du je über dieses lachen können?“ Wieder einer dieser zufälligen Gedanken tauchte in mir auf. Drang ich doch weiter und weiter ein, in diese eine Lebenskraft. Es war für mich doch etwas merkwürdig. Wie konnte sie einfach so neben ihm schweben, aber neben normalen Menschen nicht? Ich hatte zwar zu diesem Zeitpunkt schon eine Theorie dazu, aber wollte später Lyn noch einmal darüber ausfragen. Ich blendete alle Geräusche der Außenwelt aus. Ein leichter Klang der Erinnerung war hörbar. Mehr Fetzen als eine richtige Melodie, aber ich bekam etwas Akustisches mit. Kein Zweifel, ich kam allmählich zur wichtigen Szene: der Tod Igors. Das Gesehene wurde klarer, die Lautstärke erhob sich im gleichen Moment. Die Welt vor mir schien aufzuscheinen.

Die Vögel flogen alle durcheinander. Das Krähen und Gezwitscher kaum zu unterscheiden. Eine mir bekannte Szene spielte sich schon wieder ab. Es war zweifelsfrei die gesuchte. Diesmal sah ich aber mehr: ich sah Kräfte. Einige umgaben Igor und andere den Mann. Ich hörte ein Gespräch:

Unbekannter: So sieht man sich wieder Igor.
Igor: Du ... hier?
Unbekannter: Tja, so einfach kommt man von uns nicht weg. Was hattest du eigentlich vor? Verstecken?
Igor: Lass mich einfach in ruhe, Artjom. Ich kann nicht weiter mitmachen.
Artjom: Nun, schade. Eigentlich hatte ich nichts gegen dich.

Was dann in der zweiten Ebene zu sehen war, blieb für lange Zeit in meinem Gedächtnis. Die paar Lichter um Igor wurden in ihn hineingepresst und sofort danach strömten mehrere heraus. Es war, als ob ein Überfluss in ihm entstand. Vielleicht war das der Grund für seine schlechten Erinnerungen. Die Szene beendete sich kurz danach. Ich war wieder bei vollem Bewusstsein, jedenfalls theoretisch. Die gerade gesehenen Bilder waren für mich so unglaublich, dass ich sie erst einmal kurz verdauen musste. Angespannt lag ich auf dem Hügel, wie erstarrt und wusste nicht, was ich gerade gesehen hatte. Wurde jemand durch die Lebenskraftmanipulation umgebracht? Ein leises „Oh, mein Gott!“ entsprang aus meinem Mund. Währenddessen, im Schrein, beendete sich das Gespräch. Sie gingen alle getrennte Wege. Ich schaute kurz etwas nach vorne. Während Sergej und Artjom wegliefen, schaute Artjom kurz nach hinten, direkt in meine Richtung. Als ob er eine Ahnung hätte. Vielleicht hatte er das ja auch, vielleicht konnte er etwas spüren. Ich war etwas verwirrt, begab mich langsam zu einem ruhigeren Ort. An diesem Ort traf ich mich wieder mit Katharina und Wang. Ich berichtete ihnen von meiner Erfahrung.

Wang: Das ist sehr beunruhigend. (Fasst sich mit der Faust an die Stirn.) An ihrer Magie ist doch mehr dran, als ich dachte. Vorher war ich immer in den Glauben, die Götter würden den meisten Einfluss haben, aber wenn ein ... einfach jemanden töten kann ...
Katharina: Erschreckend ... (Sie hält für einen Moment inne) So ist also mein Bruder gestorben... Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich vielleicht von der Sekte Abstand genommen.
Arata: Ich weiß auch nicht. Es ist für mich alles sehr bedrückend. Es ist wirklich eine Angst, die ich diesmal spüre. Angst vorm Tod.
Arata wird nachdenklich.
Katharina: Arata ...
Wang: Nun ja, ich sollte euch vielleicht noch vom Gespräch erzählen. Wie schon gesagt, war es mein monatliches Update ...
Es fängt leicht an zu nieseln. Arata kommt wieder zu Sinnen.
Arata: Erzähl schon.
Wang: Kurz zusammengefasst: Sie haben mir aufgetragen, ich sollte mich mehr um die Anti-Organisation kümmern. Tja, eigentlich wärt das mehr oder weniger wohl auch nur ihr beide.
Arata: Na ja ... mehr oder weniger.
Wang: Die Sache ist: Sie haben schon Anhaltspunkte und meinen, es dauert nicht mehr lange. Sie wollen einen Gegenangriff starten und dies auch mit Hilfe aller Mitglieder in der Stadt durchziehen. Es war schon irgendwie offensichtlich.
Katharina: Wissen sie vom geheimen Treffen der Anti-Organisation?
Wang: Tja, zum Glück weiß ich selbst nicht davon. Versuch du mal, Sergej anzulügen. Ich muss mich immer sehr gewählt „ausdrücken“, um nicht verdächtig zu werden.
Arata: Meinst du, es könnte eine Fähigkeit sein?
Wang: Magie? Dass er weiß, dass Leute lügen? Ich glaube nicht, dass er es zu hundert Prozent weiß, aber ob er eine stärkere Ahnung als andere hat: Vielleicht. Gut möglich.
Arata: Es scheint noch viel mehr Möglichkeiten zu geben, als ich dachte und auch, dass sie soviel Kraft haben ... bedrückt mich.
Wang: Tja, ich dachte immer, die Opfer würden auf den Messen mit irgendeinem Trick umgebracht. Vielleicht ist es doch anders, als ich dachte.
Arata: Geben die Götter direkt die Kraft an ihnen weiter? Irgendwoher muss ihre „Magie“ ja kommen. Ich muss unbedingt mit Lyn reden.

Ich stand kurz davor Lyn zu rufen, als es anfing stärker zu regnen. Wir überlegten uns, einen Unterschlupf zu suchen und wollten darum unter die Brücke gehen. Unüberlegt, ohne viel Achtung darauf zu richten wohin, liefen wir zur Brücke, gingen die Treppen herunter, um unter ihr vor dem Regen Schutz zu finden. Eigentlich war es ein schöner Regen, da es zu dieser Zeit sehr warm war. Als wir unten ankamen, trauten wir unseren Augen nicht. Artjom schaute sich den Boden an, war in den Knien. Es war so, als ob er beten würde. „Ha, so sucht sich die Ratte den selben Ort aus“, sagte er. Es war unfassbar. „Ihr glaubt doch nicht, dass wir ganz alleine zum Schrein gegangen waren, oder Wang? Uns war doch klar, dass du uns nicht immer treu sein wirst. Eigentlich wollten wir dich nur noch ein paar Wochen als Mitglied belassen. Du solltest nur als Köder dienen.“ Wang war völlig fassungslos. „Heißt das ... ihr habt vorausgesehen, dass ich euch verrate?“, kam die Frage leicht zittrig von ihm. Artjom lächelte nur. „Tja, schade, schade.“ Im nächsten Moment... es war so, als ob die Zeit unglaublich langsam vorbei ging. Ich war wie von automatisch in die zweite Ebene gekommen ... Die Geräusche vom Regen verstummten. Ich sah Katharina mit einem erstaunten Gesicht neben mir, und Wang mit offenen Augen. Sie schienen sich dabei so gut wie gar nicht zu bewegen. Die Zeit blieb für mich stehen. Artjom gegenüber mir: Er schien nicht „versteinert“. Die Kräfte um ihn herum leuchteten. Stärker und stärker fingen sie an zu leuchten und bewegten sich etwas hin und her. „Tja, du bist wohl der Auserwählte. Mal gucken, wie stark du schon bist oder ob du nur ein Opfer sein wirst.“ Die Stimme Artjoms war direkt in meinen Gedanken manifestiert. Es war genau so, wie wenn die Botin zu mir sprach. „Ich hoffe, du weißt wie man sich wehrt, wenn nicht, dann viel Spaß.“ Ich hörte nur noch ein grausames, böses Lachen.

"Arata. So nennen wir ihn.“ Damals war er noch so klein. Ein süßes kleines Baby.
Dieser Junge ist doch ein richtiges Weichei, schafft nicht einmal den Sportunterricht ohne Schwierigkeiten zu überstehen. Immer ist er außer Atem.
Die Gedanken der alten Zeiten. Direkt im Kopf. Der Schmerz kam zurück, schnell, wie ein Stechen.
Es gab nur eine Fünf ... „Und ich habe sie. Ich hasse diese Lehrerin.“ Arata ist schon ein komischer Kerl. Ich weiß nicht, ob man ihn verrückt nennen kann, schlau ist er auch nicht gerade.
Die Urteile von anderen bedeuteten immer etwas, egal ob wahr oder falsch. „Ich will flüchten.“
Schön die Flasche umgeschmissen. Findest du es toll, wenn jemand weint?
Ich wurde so langsam überdrüssig. Immer dasselbe, dieselbe Scheiße. „Wer wird der Beste sein?“ Der Himmel verschloss sich über mir. Ich brach in eine tiefe Grube. Der Sand über mir versank. „Wenn wir wirklich frei sind, werden wir nie fallen.“ Wollte doch bei mir nichts weiter schlagen, kein Klopfen war zu vernehmen. Zeit ist immer noch für immer.
Es wird spät, beeile dich.
Es tut mir doch leid. Schwarz, so schwarz war es. Stimmen von überall pressten auf mich ein. Es war wie eine Folter, vielleicht grausamer.
Du solltest doch besser auf deinen Bruder aufpassen.
Alle Schuldgefühle in mir kamen auf, mitsamt, wie auf einen Schlag. Mein Bauch, er hatte dieses Gefühl voller Schuld. Mein Gewissen war belastet, mein Kopf fühlte sich schwer an. Ich spürte Kälte, wollte nicht mehr weiter.
Es ist aus mit uns, Arata. Unsere Liebe ist aus. Sie war vielleicht nie gewesen.
Das Unverständnis in mir kam auf, jenes welches mich traurig machte, dieses, wo ich Menschen nicht verstand. Es brachte mich zur Verzweiflung, jedes Mal. Die Menschen, die ich mochte, verhielten sich so unglaublich gegensätzlich zu ihrer Logik. Mein Atem war schwer. Ich fing an zu hecheln. Vor mir verschwammen Dinge, die eigentlich nicht da sein sollten. War so etwas wie Freude je existent?
Ich raste hier gleich aus. Mach es doch einfach richtig!
Die Reize begannen sich in meinen Augen bemerkbar zu machen. Ich wusste nicht, ob ich weinte. Die Welt stieß für mich an das Ende ihrer. Die Dummheiten, die ich im Leben gemacht hatte, offenbarten sich mir. „Hörst du dieses Lied?“, Ich vernahm das Flüstern einer vertrauten Stimme. „Gib einfach auf ... lass dich fallen“, die Stimme des Mannes, der versucht mich umzubringen. Eine Wärme, die mich nach unten zog, begann zu wirken. Diese herrliche Wärme, das genaue Gegenteil der Schwere. Einfach zu viel, überwältigend, war sie. Du wolltest mir das Ende ankleben. Niemand anderes glaubte mehr daran. Wie Löwen werden die Menschen auferstehen. Selbst der Mensch mit dem niedrigsten Wert kann Freude erleben. Sei es doch nur eine kleine Melodie, die ihn antreibt. Das ist wie im Kino, aber es tat noch nicht weh. Schaust du mich doch an. Ich will fliegen bis zum Ende, zu dir. Woher willst du es können? Ich sehe nicht, ob es so ist, praktisch zu dir, sehe ich. Du schaust sie an. Das ist mein Leben. Ich fliege, ich fliege, ich fliege. Das ist mein Leben, mein Leben, nur mein Leben. Lass uns die alten Dinge schnell vergessen, auf in die Freude. Näher und näher kam das Lied aus meinem Inneren. Es war das Lied, welches mich retten könnte. Es war die allerletzte Geschichte meines Inneren. Das Spiel bestand nur aus Schmerz, es ging darum, diesen zu überwinden und bei sich selbst zu bleiben. Erinnerte mich dies doch mehr an das echte Leben, als an etwas Übernatürliches, obwohl man dazu sagen müsste: Das Spiel hatte gerade erst begonnen. Aber wollte ich lieber aufgeben und die Niederlage akzeptieren? Eher brachte ich meinen Bruder um. Bevor man es wusste, wurde man reifer, Schritt für Schritt begrüßte man das Konzept des Wachstums. Die Waffe des Jeden war nur diese eine: man selbst. Mit dieser schönen Unterredung war mein Verstand wieder zurück zu mir gekommen. Ich hörte die Melodie in mir, man fragte mich, was los mit mir sei, als man mich weinen sah. Sollte ich doch ein Narr sein, keinen Grund zu haben.
Dann trat die tiefe Stille in mir ein. Die Gefühle drehten sich alle um mich herum. Von unglaublicher Trauer in eine Neutralität, bis ich endlich ein Lächeln auf meinem Gesicht fand. Ich kam aus dem Denken heraus, was für eine Sache auch immer es war: Es war gut. Kommt mit mir, folgt mir. Folgt diesem Lied! Versucht es zu singen, egal mit welchem Rhythmus. Vergesst die Sachen des peinlich Seins. In solch einer Zeit spielte für mich nichts mehr eine Rolle. Ein wiederholtes Lachen war zu vernehmen. Ein Geistesgestörter schien in mir zu erwachen. „Ach, so war es. Die Gedanken des Mondes drangen in meinen Verstand ein und umarmten mein Herz.“ Unglaubliche Freude und Manie befüllten meinen Kopf. Ich hörte die Sänger jodeln, hoch und runter ging der Ton. Alles stellte sich wieder auf "Normal". Die Manie schwand, die Melodie wurde lässig und cool. Vor mir erschien ein regenbogenfarbiger Weg. Ich war nur noch einige Schritte vom Ausgang des Alptraums entfernt. War das nun wirklich schon das Ende meiner Misere? Es sollte mal wieder alles nicht so einfach sein. Die Welt wurde vieler voller Farben, aber ganz anders, als ich sie kannte. Eigentlich gewöhnte man sich zuerst immer an das Helle, aber diesmal nicht. Ich war wieder in der normalen Welt, neben mir lagen meine Freunde. Ein Mann kam langsam auf uns zu. Plötzlich blieb er stehen und seine Gesichtsmuskeln bewegten sich. Es folgte ein kleiner Dialog zwischen uns:

Artjom: Es ist doch immer wieder voller Überraschungen, das Leben. Bist du wohl doch der Auserwählte. Hast wohl Hilfe gehabt.
Arata schreitet ein.
Arata: Hilfe? Tja, das braucht wohl jemand in der Welt mehr als alles Andere. Auf jeden Fall bist du jetzt in einer schlechten Lage.
Artjom: Oho, da droht mir aber jemand. (Fängt an in sich hinein zu lachen.) Wie es aussieht, befindet sich wohl alles in deiner Hand. Na dann, beginne mal mit deiner Vorstellung.
Arata begibt sich in eine gelockerte Position.
Arata: Das, was du kannst, kann ich auch, aber anders. Ich nutze nicht das Böse in einem Menschen, um ihn zu bekämpfen. Ich konfrontiere dich mit dem, was du bist. Ich zähle die Sekunden für dich, wenn du willst.
Artjom: Die Sekunden? Junge, du bist jetzt völlig durchgedreht. Meinst du echt, ich habe nicht noch mehr drauf?
Arata schließt die Augen.
Arata: Mir reichen deine Worte!
Artjom: Oho, was hast du denn jetzt vor?

Der Kampf des Inneren begann. Es war meine Aufgabe, diesen Menschen vor mir mit den Kräften des Lebens zu überwältigen. Ich hörte, wie sich der Regen so langsam beruhigte, der Wind war zu hören, das Schwüle war zu spüren. Ich war entspannt wie nie zuvor und zur gleichen Zeit kam „es“ in mir auf: die Gleichgültigkeit im Leben. Ohne es zu sehen, spürte ich, wie sich meine Linie mit der Artjoms verband. Es war die Linie meiner Lebenskraft. Man konnte es schon leise hören, das Lied eines Mannes der Schrecken erlebt hat, Tode gesehen, dem Leid zugefügt wurde, alles, aber nur wenig Freude. In ihm verging die Zeit ohne Grund. Es war Tag ein Tag aus dasselbe: Leben ohne eigenen Sinn, ohne eine Bestimmung, nur für andere. Man hätte doch fast schon Mitleid fühlen können, aber ich war in so einem Rausch von Herrschaft, dass ich nicht mehr viel Empathie empfinden konnte. Es ging einfach alles runter, rannte alles hinab, als ob es mich nicht wirklich interessierte. Ich wollte ihn einfach fertig machen. Nun endlich hörte ich auch sein Lied. Es erinnerte mich an die traurigsten Lieder, die ich kannte, hatte aber keinen Rhythmus, war ganz grässlich. Seine Stimme machte sich dazwischen breit, als ob er mir noch etwas sagen wollte. Ich versuchte mich deshalb auf seine vielleicht letzten Worten zu konzentrieren. Sie waren für mich ohne Belang: „Geh, aber geht mit Gott ...“, ein kleines Lachen folgte. Fiel ihm einfach nichts besseres ein oder war es mit Grund gesät? Ich wusste es damals nicht, werde es vielleicht niemals gewusst haben. Meine Sicht passte sich innerhalb eines Augenblickes wieder der „Realität“ an. Das Blut strömte aus Artjoms Körper, aus ungewöhnlichen Stellen. Man sah das Blut am Ende seiner Ärmel raus laufen und seine Schultern wurden nass und blutgetränkt. Als ob er nichts mehr sagen konnte, fiel er zu Boden. Ich machte mir jetzt erst, allmählich, die Geschehnisse bewusst, war in einem kurzen Augenblick im Schock, trat dann aber wieder in mein Leben. Ich schritt langsam zu dem scheinbar toten Körper, wollte meine Tat verifizieren. Zur selben Zeit regten sich die Körper hinter mir. Ich vernahm nur unterbewusst ihre Geräusche, war ich doch zu sehr auf den Tod konzentriert. Das erste Mal, dass ich eine Leiche vor mir sah. Sein Puls war nicht fühlbar. Im nächsten Moment war die bekannte Stimme Katharinas zu hören. „Ist es vorbei?“, fragte sie mich. Ich wusste nicht, wie ich antworten sollte. In diesem Moment war ich nicht im Stande, über eine Antwort nachzudenken und schaute ihr einfach in die Augen. Wang trat nun auch auf. „Er ist tot?“ Die wohl offensichtlichste Frage kam von Wang. Ich antwortete nur mit einem simplen „Ja.“ Für mich waren Dinge passiert, die ich erst einmal verdauen musste. Ich ging unter der Brücke hervor, streckte einen Arm aus, wollte fühlen, ob es noch regnet. Nur ein ablaufender Tropfen von über mir tropfte auf mich herunter. Es hatte vollständig aufgehört zu regnen. Doch im selben Moment lief es blutrot hinter mir.

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